Originalarbeit Original © 2008 Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle ISSN 0948-6259 Gibt es geschlechtsspeziische Unterschiede in der elterlichen Betreuung von Schizophrenie-Kranken? Johannes Wancata 1 , Marion Freidl 1 , Fabian Friedrich 1 , Teresa Matschnig 1 , Anne Unger 1 , Andrea Kucera 1 , Ralf Gössler 2 und Rainer Alexandrowicz 3 1 Univ.-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien 2 Univ.-Klinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters, Medizinische Universität Wien 3 Institut für Psychologie, Abteilung für Angewandte Psychologie und Methodenforschung, Universität Klagenfurt Neuropsychiatrie, Band 22, Nr. 2/2008, S. 83–91 Schlüsselwörter: Angehörige – Schizophrenie – Belastun- gen – Gender Keywords: Caregivers – parents – schizophrenia – burden – gender Gibt esgeschlechtsspeziische Unter schiede in der elterlichen Betreu ung von SchizophrenieKranken? Anliegen: Ziel der vorliegenden Stu- die war es, Unterschiede zwischen Müttern und Vätern von Kranken, die unter Schizophrenie oder schi- zoaffektiven Psychosen leiden, zu untersuchen, wobei neben dem zeit- lichen Aufwand der Angehörigen auch andere Aufgaben der Betreuung erfasst werden sollten. Methode: Ins- gesamt wurden 101 Mütter und 101 Väter derselben PatientInnen mit der Diagnose Schizophrenie oder schi- zoaffektive Störung entsprechend ICD-10 untersucht. Ergebnisse: Es zeigte sich, dass im Mittel Mütter signiikant mehr Zeit als Väter per- sönlich oder telephonisch in Kontakt mit den Kranken stehen. Bezogen auf die einzelnen Kranken zeigte sich, dass in etwa der Hälfte der Fälle die Mütter mehr Zeit aufwandten, bei nahezu 40% aber Mütter und Väter gleich viel Zeit aufwandten. In 12% der Fälle verbrachten die Väter mehr Zeit in persönlichem oder telepho- nischem Kontakt mit den Kranken als die Mütter. Bei anderen erfassten Variablen bezüglich der Betreuungs- intensität von Müttern und Vätern (z.B. Sachwalterschaft, Betreuung des Haushalts der Kranken, inan- zielle Ausgaben) fanden sich keine Unterschiede zwischen Müttern und Vätern. Schlussfolgerungen: Wir konnten die üblichen geschlechtspe- ziischen Annahmen, dass Mütter ge- nerell in höherem Umfang in die Be- treuung der Kranken involviert sind, in mehreren wesentlichen Aspekten nicht bestätigen. Are there genderspeciic differ ences between mothers and fathers caring for a schizophrenia patient? Objective: The purpose of this study was to investigate differences be- tween mothers and fathers of patients with schizophrenia or schizoaffective disorders concerning the time spent with the patients as well as other as- pects of caring. Methods: 101 moth- ers and 101 fathers of the same pa- tients suffering from schizophrenia or schizoaffective disorders according to ICD-10 were investigated. Results: The mean time spent in personal (i.e. face-to-face) or telephone contact with patients was signiicantly higher for mothers than for fathers. About the half of the mothers spent more time with the patients than the fathers, while 12% of fathers spent more time than the mothers. Among 40% of pa- tients, mothers and fathers spent an equal amount of time for personal or telephone contact with the patients. Concerning other aspects of caring (legal representative of the patient, payment for patient’s costs, caring for the patient’s household) we could not ind any differences between mothers and fathers. Conclusions: Concern- ing several aspects we could not con- irm that mothers are more involved into the patients’ care than the fathers. These indings are in contrast to the usual assumptions about familial car- egivers based on the traditional gen- der-speciic role models. Einleitung Angehörige von Schizophreniekran- ken leiden unter zahlreichen Bela- stungen, die von Stress über inanzi- elle Belastungen bis hin zu Sympto- men einer Depression reichen [6, 7, 12, 15, 20, 29]. Mittlerweile ist aber auch bekannt, dass Interventionen zur Unterstützung der Angehörigen und zur Verbesserung ihrer Kommu-