Musiktherapeutische Umschau Online Oktober 07 Deutsche Gesellschaft für Musiktherapie, Libauer Straße 17, 10245 Berlin Internetredaktion news@musiktherapie.de Stichwort Gesundheitspolitik Was heißt „evidenbasiert“? Thomas Hillecke und Andreas Dulger Der Begriff Evidenzbasierung Zuerst muss entgegen anders lautenden Vorstellungen festgestellt werden: Unter evidenzbasierter Musiktherapie ist keine neue musiktherapeutische Schule zu verstehen. Der Begriff ist abgeleitet aus der evidenzbasierten Medizin, die von Sackett et al. (1996) beschrieben wird als der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten. Evidenzbasierung bedeutet, dass sich die Ausübung der Praxis nach dem aktuellen Stand empirischer Erkenntnisse, also nach der besten verfügbaren „Evidenz“ aus systematischer Forschung richten soll. Dabei ist zu bemerken, dass der Evidenzbegriff (Evidenz; lat. Augenscheinlichkeit), der in der Philosophie und Psychologie als die subjektive Gewissheit einer Gegebenheit oder das unmittelbare Einleuchten eines Sachverhalts ohne methodische Bestimmung gebraucht wird, nur wenig mit dem Begriff der evidenzbasierten Medizin gemein hat. Denn es ist gerade nicht die subjektive Gewissheit, vielmehr der Grad der empirischen Bestimmtheit einer Vorgehensweise, die zur Debatte steht. Pate stand der englische Begriff „evidence“ der u.a. mit „Beweis“ oder „Beleg“ übersetzt werden kann. Evidenzbasierte Praxis setzt demnach wissenschaftliche, also methodisch bestimmte Beweise und Belege voraus. Das heißt dann, dass, um Evidenzbasierung zu realisieren, ein bestimmter Stand der Forschung und ein bestimmter Grad der Elaboriertheit einer Disziplin unabdingbar ist. Nur wenn umfangreiche klinisch relevante Forschungsergebnisse zur Verfügung stehen, kann darauf aufbauend evidenzbasiert gearbeitet werden. Evidenzbasierung ist begrifflich einem semantischen Netz zugeordnet, zu dem im Kontext von Psychotherapie auch Begriffe wie „empirisch fundierte Therapie“ oder „empirical supported treatment“ (Orlinsky et al. 2004) gehören. Im Rahmen der Medizin und Psychotherapie ist der Begriff in der Nähe eines empirisch wissenschaftlichen Grundverständnisses von heilerischen Tätigkeiten angesiedelt und bezieht sich auf die Begründung, also die Frage der wissenschaftlich festgelegten Indikation: Ob, warum, wie und in welchen Anwendungsbereichen sollten spezifische, (in diesem Falle) musiktherapeutische Handlungsstrategien eingesetzt werden? Evidenzkriterien Zur Beurteilung der Validität einzelner Interventionsformen wird im Rahmen der Evidenzbasierten Medizin auf so genannte Evidenzstufen oder Evidenzlevels zurückgegriffen. Dabei stimmen die vorliegenden Systematiken (z.B. Donner-Banzhoff 2005, Kleespies et al. 2005, Niederstadt 2001) nicht vollständig überein, folgen aber immer der gleichen hierarchischen Logik. Tabelle 1: Evidenzstufen / Evidenzlevels Evidenzstufe Evidenzkriterien Ia Vorliegen von mindestens einer systematischen Übersichtsarbeit (Metaanalyse) auf der Basis methodisch hochwertiger randomisierter und kontrollierter Studien. Ib Vorliegen von mindestens einer hochwertigen randomisierten und kontrollierten Studie mit ausreichender Stichprobengröße. IIa Vorliegen von mindestens einer hochwertigen kontrollierten Studie (nicht randomisierte Kontrolle) IIb Vorliegen von mindestens einer hochwertigen quasiexperimentellen Studie III Vorliegen von mehr als einer hochwertigen nichtexperimentellen Studie (z.B. mehrere hochwertige deskriptive Studien) IV Expertenmeinungen, Grundlagenforschung, Konsensuskonferenzen