30 Dominik Markl Der Mann Mose: Gottesmann und homo politicus Dominik Markl „Der Mann Mose und die monotheistische Religion“ betitelte Sigmund Freud drei Abhandlungen, die sein jahrzehntelanges, „zwanghaftes Interesse an der Gestalt des Mose“ dokumentie- ren.1 Freud ist nur einer der zahlreichen prominenten Zeugen für die Faszination der Mosegestalt, auf die wir am Ende zurück- kommen werden. Zunächst aber betrachten wir Mose hier als literarische Figur, vor allem in der Darstellung der Bücher Exo- dus bis Deuteronomium in ihrer kanonischen Gestalt. Indem wir die Beziehungen des Mose in den Blick nehmen, erschließt sich zugleich seine literarische Charakterisierung. Es geht also nicht um einen ‚historischen Mose‘, von dem wir kaum eine Spur ha- ben,2 sondern um die literarische Mosegestalt,3 nach deren Por- trait und historischem Sinn mit einem Blick auf ihre Wirkung gefragt werden soll. Mose und die Frauen seiner Kindheit Mose verdankt sein Leben dem Engagement mehrerer mutiger Frauen. Da der Pharao befohlen hatte, alle männlichen hebrä- ischen Babys in den Nil zu werfen, versteckt Moses Mutter ihn als Baby für drei Monate, bevor sie ihn in einem Korb im Nil aus- setzt (Ex 1,22–2,3). Während Moses Schwester das kleine Boot bewacht, entdeckt es die badende Tochter des Pharao und lässt es durch ihre Dienerin holen. Obwohl sie sofort bemerkt, dass es sich um einen hebräischen Buben handelt, lässt sie ihn auf Ver- mittlung von Moses Schwester hin von seiner Mutter als ‚Amme‘ stillen, um ihn dann zu adoptieren (Ex 2,4–10). Der Beginn des