Onkologe 2008 · 14:618–624 DOI 10.1007/s00761-008-1363-8 Online publiziert: 1. Juni 2008 © Springer Medizin Verlag 2008 H. Schmidberger 1 · S. Krege 2 1 Klinik und Poliklinik für Radioonkologie sowie Strahlentherapie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2 Abt. für Urologie, Krankenhaus Maria-Hilf GmbH, Krefeld Therapie des Seminoms im Stadium I Leitthema Im folgenden Beitrag soll aus inter- disziplinärer Sicht die vorhandene Literatur zur adjuvanten Therapie im Stadium I der Seminome kritisch kommentiert werden. Zunächst wer- den die Daten zu Surveillance, Radio- therapie und Carboplatin-Chemo- therapie zusammengefasst. Des Wei- teren erfolgt die Darstellung bekann- ter Therapiespätfolgen, welche bei ei- ner Therapieentscheidung von Be- deutung sein können. Die testikulären Seminome sind durch 2 herausragende biologischen Eigen- schaften gekennzeichnet: 1. Die Metastasierung erfolgt im Früh- stadium fast ausschließlich lympho- gen in die paraaortale Region. 2. Die Tumorzellen zeigen eine außer- gewöhnliche Empfindlichkeit gegen- über ionisierender Strahlung sowie gegenüber platinartiger Zytostatika [18]. Die außerordentliche Strahlenempfind- lichkeit der Seminome wurde bereits vor etwas mehr als 100 Jahren beschrieben. Daher kam der Radiotherapie der Lymph- abflusswege in der kurativen Behandlung der testikulären Seminome nach der Se- mikastratio eine Schlüsselstellung zu. Sys- tematische Analysen größerer Patienten- kollektive wurden seit 1939 publiziert. > Nebenwirkungen und Spätfolgen der Behandlung sollen minimiert werden Die Entwicklung der adjuvanten Radio- therapie zielte neben der technischen Ver- besserung von Therapieplanung und Be- strahlungsgeräten darauf ab, sowohl das Zielvolumen als auch die Dosis der Radio- therapie schrittweise zu reduzieren, um damit Nebenwirkungen und Spätfolgen der Behandlung zu minimieren. Die his- torische Entwicklung ist in 2 Übersichts- arbeiten ausführlich dargestellt [26, 30]. Die aktuelle Empfehlung zur adju- vanten Radiotherapie im Stadium I sieht eine Behandlung der paraaortalen und parakavalen Lymphknotenstationen bis 20 Gy vor [5, 8, 12]. Eine retrospektive Langzeitanalyse von Patienten, die am M.D. Anderson Cancer Center wegen testikulärer Seminome eine Radiotherapie erhalten hatten, zeigte eine im Vergleich zu gleichaltrigen gesunden Männern erhöhte Spätmortalität dieser Patienten 15 Jahre nach der Therapie [35]. Bei einer medianen Nachbeobachtungs- zeit des Kollektivs von 13,3 Jahren betrug die SMR (standardisierte Mortalitätsratio) nach 15 Jahren 1,85 (99%-CI: 1,300–2,55). Hauptursachen für die erhöhte Spätmor- bidität waren kardiale Todesursachen und sekundäre Malignome. Eine epidemiologische Nachuntersu- chung von 40.576 Patienten, die in ver- schiedenen europäischen und amerika- nischen Krebsregistern geführt wurden, zeigte ein erhöhtes altersadaptiertes Ri- siko für sekundäre Malignome von 2,0 (95%-CI: 1,9–2,2) 35 Jahre nach Radiothe- rapie. Interessanterweise war das relative Risiko für Zweitmalignome nach Polyche- motherapie mit 1,8 (95%-CI: 1,3–2,5) ähn- lich erhöht, wobei die Nachbeobachtungs- zeiten der Patienten nach Polychemothe- rapie kürzer waren als die der bestrahlten Patienten [32]. Diese Beobachtungen führten zu ei- ner neuen Bewertung der Nutzen-Risi- ko-Abwägung für die adjuvante Thera- pie von Patienten mit testikulären Semi- nomen im Stadium I. Der Vermeidung ei- ner adjuvanten Therapie zugunsten einer Surveillance-Strategie wird nun erneut ei- ne stärkere Bedeutung zugemessen, da die Rezidivwahrscheinlichkeit bei Patienten im Stadium I ohne adjuvante Therapie et- wa 20% beträgt und somit etwa 80% der Patienten in diesem Stadium keine wei- tere Therapie benötigen. Die Leitlinie der Europäischen Arbeitsgemeinschaft für die Behandlung von Hodentumoren emp- fiehlt die Surveillance-Strategie, falls der Primärtumor keine Risikofaktoren (Tu- morgröße >4 cm oder Infiltration des Re- te testis) aufweist [15]. In den USA gilt die adjuvante Radio- therapie weiterhin als Standardbehand- lung im Stadium I, wohingegen die euro- päischen Leitlinien nur bei Vorliegen der genannten Risikofaktoren eine adjuvante Therapie empfehlen. Ferner wird die Car- boplatin-Chemotherapie (1–2 Zyklen) als gleichwertig zur Radiotherapie angesehen. Da bislang keine Spätnebenwirkungen von Carboplatin bekannt sind, empfehlen manche Autoren die Carboplatin-Mono- therapie als Standardbehandlung im Sta- dium I des Seminoms. Die derzeit geführ- te Diskussion in den Gremien der Leitlini- engruppen ist daher kontrovers. Surveillance Im Stadium I der testikulären Seminome beträgt die Rezidivwahrscheinlichkeit al- ler Patienten nach alleiniger Orchiekto- mie etwa 20% (. Tab. 1). Dies ist aus sog. 618 | Der Onkologe 6 · 2008