43 42 Hans Beckert in der Halle des Bergkönigs. Fritz Langs Travestie des nordi- schen Helden Peer Gynt Urs Büttner Der Film „M“, der sonst ohne Musik auskommt, ordnet dem Kindermörder ein Leitmotiv zu. Es ist das gepfiffene Thema „In der Halle des Bergkönigs“ aus Edvard Griegs Schauspielmusik zu Ibsens „Peer Gynt“. Die Hauptfigur lässt sich dort von ei- ner triebhaften Trollfrau verführen und wird dann von einer Trollmeute schreiend ver- folgt, als sie flieht. Fritz Lang selbst erklärte, dass das „immer wiederkehrende Pfeifen des Kindermörders, [...] seinen Triebgefühlen wortlos Ausdruck gibt“ 80 . Anton Kaes, der die elaborierteste Deutung der Musik in der „M“-Forschung bietet, führt diesen Gedanken weiter aus. Beide Figuren werden von Sexus und Machtstreben versucht, die externalisiert als Dämonen erscheinen. Dieselben Mächte treten dann aber nochmals repressiv auf, wenn sie als Masse die Reinigung des Volkes vom Pathologischen und für die Vergehen Vergeltung fordern. 81 Diese Interpretation ist einleuchtend, dennoch muss die Musikwahl verwundern. Das klassische Stück wirkt nicht unglaubwürdig, doch würde man bei einem Kleinbürger wie dem Mörder sicher eher einen Schlager auf den Lippen erwarten. Sucht man über die genannten Parallelen hinaus aber weitere, findet man keine, vielmehr erscheinen die Ähnlichkeiten immer oberflächlicher und gerade die Unterschiede treten stärker hervor. Hans Beckert und der nordische Held Peer Gynt haben gleichsam fast nichts gemeinsam. – Ich möchte hier deshalb die These vertreten, dass es sich bei der Verwendung gerade eines „Peer Gynt“-Motivs für den Kin- dermörder um einen hintersinnigen Witz Fritz Langs handelt. Nach einer kurzen musikalischen Charakterisierung des Motivs, argumentiere ich, dass seine Einführung im Film, eine Verschiebung des Kontrastes zwischen wahrer und kranker Persönlichkeit Beckerts zu dem zwischen Kindermörder und nordischem Hel- den darstellt. Ich zeige, dass das „Peer Gynt“-Bild in der Weimarer Republik stark von der Übertragung Dietrich Eckarts geprägt war, die nationalsozialistisches Gedanken- gut vermitteln will. Mein Figurenvergleich legt deren Gegensätze offen. Mithin wird klar, dass die Verknüpfung weitgehend nur ironisch verstanden werden kann und als eine subversive Kritik am nordischen Heldenbild der Nazi-Ideologie interpretiert wer- den muss. Filmmusik Da Stummfilme gerne auf populäre Melodien als Begleitung zurückgriffen, war auch Griegs „Bergkönigs“-Musik schon vor „M“ als Filmmusik beliebt. Waren die Sprechfil- me, die 1928 gedreht wurden anfangs noch auf möglichst natürliche Geräuschwieder- gabe aus, so experimentierten sie schon bald mit vereinzeltem Musikeinsatz, jedoch an herausgehobener Stelle. „M“, Fritz Langs erster und einer der ersten deutschen Tonfilme 80 Gero Gandert: Fritz Lang über „M“. Interview. In: Gero Gandert / Ulrich Gregor (Hg.): M. Protokoll. Hamburg 1963, S. 123-128, hier: S. 126 (vgl. Materialien in diesem Band). 81 Anton Kaes: M. London 2000, S. 20f. noch von einer dicken Patina bedeckt scheinen, so mag ein mehrmaliges Betrachten des Films und ein genaues Hinschauen auch heute noch kreativ ansprechen. einer der Verbrecher einen Satz beginnt, daß ihn dann einer der Kriminalbeamten sinngemäß zu Ende spricht. Und umgekehrt. Beide Methoden wurden später allgemein verwendet.“ Buch Bareither + Büttner_30-6.indd 42-43 30.06.2010 11:30:15