Der erfolgreiche Mensch. Ludwig Lewins transatlantisches Projekt, 1928 Heiko Stoff Wenn vom Künstler als vom produktiven Menschen einmal gesagt worden ist, zu allem, was ihn produktiv macht, hat der Künstler ein Recht, so kann man vielleicht ähnlich vom erfolgreichen Menschen sagen, zu allem, was ihn zum Erfolge führt, nimmt er sich sein Recht. 1 Sigmund Freud eröffnete seinen 1930 publizierten Essay über Das Unbehagen in der Kultur mit den Worten, man könne sich des Eindrucks nicht erwehren, „dass die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen“. 2 Freud, der in seinem Essay als Experte für Erfolgs- und Glückstechniken reüssierte, sollte diesen moralischen Gemeinplatz, gemessen an „der Buntheit der Menschenwelt und ihres seelischen Lebens“, deutlich relativieren. Gleichwohl lässt sich feststellen, dass Macht, Erfolg und Reichtum zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine selbstverständlich anerkannten, sondern sittlich hoch umstrittene Lebensziele waren. Erfolg wurde vor allem als angemessene Belohnung für erbrachte Arbeitsleistungen verstanden; Erfolgsstreben hingegen war eng mit der individualisierten, wettbewerbsorientierten Moderne verknüpft. Anders als beim englischen achievement sind die Begriffe ‚Erfolg‘ und ‚Leistung‘ in der deutschen Sprache von unterschiedlicher Bedeutung. Während in den antikapitalistischen Diskursen der 1920er Jahre Arbeit und Leistung als Selbstzwecke hypostasiert wurden, erschien Erfolg als eine kulturelle Besonderheit Amerikas: Der erfolgreiche Mensch, das war zunächst der amerikanische selfmade man, der Unternehmer mit klaren Zielvorstellungen. Der amerikanische Traum, glücklichere Menschen zu schaffen, sei dabei mit dem „reine[n] Erfolgsstreben der kapitalistischen Wirtschaft“ in eins gesetzt. 3 Als Ludwig Lewin, Leiter der Berliner Lessing-Hochschule, 1928 im auf Sitten- und Kulturgeschichte spezialisierten Eigenbrödler-Verlag eine dreibändige, insgesamt fast 1400 Seiten starke und unterschiedliche Vertreterinnen und Vertreter des Geisteslebens der Weimarer Republik vereinigende Enzyklopädie des Erfolgs herausbrachte, war dies neben der Intention, eine Ratgeberschrift zu verfassen, also auch ein politisches Statement. Zugleich schloss Lewin an eine soziologische und sozialpsychologische Debatte an, die in den 1920er Jahren zum erklärungsbedürftigen Problem des Erfolgs geführt wurde. 4 Lewin verfolgte ein ausdrücklich transatlantisches Projekt, indem er die Kulturwerte Europas, ein ebenso universales wie praktisches Wissen über Körper, Geist und Seele, mit der amerikanischen Methodik, mit effizienten Techniken eines zielorientierten Lebens, vereinte. Der erfolgreiche Mensch nimmt innerhalb der Ratgeberliteratur nicht nur aufgrund des schieren Umfangs, sondern auch durch die Verbindung des umfangreichen zeitgenössischen Wissensbestandes mit konkreten Anwendungsmöglichkeiten eine Sonderstellung ein. 5 Lewin war selbst vor allem an einer Psychologie des 1 Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Ludwig-Lewin-Archiv, 51 (Der erfolgreiche Mensch, o. O., o. D., 1928). 2 Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1930, S. 5. 3 Erich Eigner: Zur Psychologie des Sozialismus. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 82 (1927), S. 577–593, hier S. 584 f. 4 So etwa Norbert Einstein: Der Erfolg. Ein Beitrag zur Frage der Vergesellschaftung. Frankfurt am Main: Rütten & Loening 1919 und Gustav Ichheiser: Kritik des Erfolges. Eine soziologische Untersuchung. Leipzig: C. L. Hirschfeld 1930. Hinweise zu diesen Grundlagentexten einer Erfolgssoziologie, die zudem an den Schriften von Max Weber und Karl Mannheim orientiert ist, verdanke ich Robert Suter. Einen guten Überblick liefert der Soziologe Sighard Neckel u. a. in Sighard Neckel: Erfolg. In: Ulrich Bröckling / Susanne Krasmann / Thomas Lemke (Hrsg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. 63–70 und Ders.: Ehrgeiz, Reputation und Bewährung. In: Günter Burkart / Jürgen Wolf (Hrsg.): Lebenszeiten. Erkundungen zur Soziologie der Generationen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2002, S. 103–117. 5 Zur Geschichte der Ratgeberliteratur: Stefanie Duttweiler: Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie. Konstanz: UVK 2007.