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Der Pneumologe 2 · 2010
Pneumologe 2010 · 7:114–120
DOI 10.1007/s10405-009-0367-4
Online publiziert: 30. Januar 2010
© Springer-Verlag 2010
M. Dreher · W. Windisch
Abteilung Pneumologie, Universitätsklinik Freiburg
Außerklinische Beatmung
Indikationen und Outcome
Leitthema
Die außerklinische Beatmung hat
sich in den letzten 20 Jahren zur The-
rapie der chronischen ventilato-
rischen Insuffizienz fest etabliert.
Epidemiologische Daten aus Europa
von 2001 zeigen eine Prävalenz von
6,6 außerklinischen Beatmungen
pro 100.000 Einwohner [18]. Tatsäch-
lich ist diese Zahl jedoch für die heu-
tige Situation in Deutschland deut-
lich unterschätzt, da nur etablierte
Beatmungszentren in der Erhebung
berücksichtigt wurden, die Antwort-
quote lediglich 62% betrug und die
Prävalenz in den letzten Jahren wei-
ter gestiegen ist [15].
Grundlage für die Verbreitung der au-
ßerklinischen Beatmung waren zum ei-
nen die technischen Entwicklungen, die
heute eine Beatmung mit portablen Be-
atmungsgeräten, modernen Beatmungs-
modalitäten und akzeptablen Beat-
mungszugängen im häuslichen Umfeld
erlauben. Zum anderen waren es jedoch
auch die zunehmenden wissenschaft-
lichen Erkenntnisse, wonach der Ein-
satz einer außerklinischen Beatmung
bei chronischer ventilatorischer Insuf-
fizienz zu einer teilweise deutlich ver-
besserten Prognose führt. Nicht zuletzt
haben auch die Aktivitäten der Fach-
gesellschaften, namentlich der Deut-
schen Gesellschaft für Pneumologie und
Beatmungsmedizin e.V. (DGP) und ins-
besondere der Arbeitsgemeinschaft für
Heimbeatmung und Respiratorentwöh-
nung e.V. (AGH), dazu beigetragen, dass
sich die außerklinische Beatmung in
Deutschland etablieren konnte.
Der vorliegende Artikel nimmt ins-
besondere Bezug auf die aktuelle S2-Leit-
linie zur nichtinvasiven und invasiven Be-
atmung als Therapie der chronischen res-
piratorischen Insuffizienz, die von der
DGP in Zusammenarbeit mit der Ar-
beitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen
Medizinischen Fachgesellschaften e.V.
(AWMF) erstellt wurde [12].
Indikationen zur
außerklinischen Beatmung
Allgemeine Indikationskriterien
Die außerklinische Beatmung kann
grundsätzlich bei jeder Erkrankung ein-
gesetzt werden, die mit einer chronischen
Insuffizienz der Atempumpe (s. Beitrag
Windisch u. Criée) einhergeht. Dabei las-
sen sich 4 Krankheitsgruppen von einan-
der abgrenzen:
F die chronisch-obstruktive Lungen-
erkrankung (COPD, „chronic
obstructive pulmonary disease”),
F thorakal-restriktive Erkrankungen,
F das Adipositas-Hypoventilations-
syndrom (OHS, „obesity hypoventi-
lation syndrome“) und
F neuromuskuläre Erkrankungen.
Grundsätzlich müssen für die Einleitung
einer außerklinischen Beatmung 3 Vor-
aussetzungen erfüllt sein [1, 9, 20]:
F Es muss eine Grunderkrankung vor-
liegen, die eine ventilatorische Insuf-
fizienz nach sich ziehen kann.
F Es muss der objektive Nachweis ei-
ner chronischen ventilatorischen In-
suffizienz geführt werden.
F Es müssen Symptome vorliegen,
die durch eine ventilatorische In-
suffizienz erklärt werden können
(. Infobox).
Nachweis einer ventilatorischen
Insuffizienz
Das wichtigste Kriterium zur Einleitung
einer außerklinischen Beatmung ist die
Hyperkapnie, wobei in der Regel eine
Bikarbonatretention bei ausgeglichenem
pH-Wert die metabolische Kompensa-
tion und damit die chronische Ausbil-
dung der Hyperkapnie dokumentiert.
Für die Indikationsstellung werden Mes-
sungen des arteriellen CO
2
-Partialdrucks
(p
a
CO
2
) sowohl am Tag als auch in der
Nacht herangezogen, da sich eine Hypo-
ventilation zunächst nur während des
Schlafs manifestieren kann. Zusätzlich
können bei entsprechender Symptomatik
auch eine nächtliche Diagnostik mittels
transkutaner Messung des CO
2
-Drucks
(p
tc
CO
2
), Polygraphie oder sogar Poly-
somnographie notwendig werden.
Für die einzelnen Krankheitsgrup-
pen werden in der aktuellen S2-Leitlinie
spezifische Indikationskriterien formu-
liert, um der unterschiedlichen Krank-
heitspräsentation und -prognose Rech-
nung zu tragen (. Tab. 1). Die Indikati-
on zur außerklinischen Beatmung ist je-
Infobox Symptome und Befunde bei
chronischer ventilatorischer Insuffizienz
F Dyspnoe, Tachypnoe
F Morgendliche Kopfschmerzen
F Abgeschlagenheit
F Eingeschränkte Leistungsfähigkeit
F Ängste, Depressionen
F Nächtliches Erwachen mit Dyspnoe,
unerholsamer Schlaf, Tagesmüdigkeit,
Einschlafneigung, Alpträume
F Polyglobulie
F Tachykardie
F Ödeme
F Cor pulmonale
Redaktion
B. Schönhofer, Hannover
F. Herth, Heidelberg
W. Windisch, Freiburg