Anaesthesist 2006 · 55:314–324 DOI 10.1007/s00101-006-0997-4 Online publiziert: 1. März 2006 © Springer Medizin Verlag 2006 P. Paal 1 · W. Beikircher 2 · H. Brugger 3 1 Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin, Bergrettungsdienst im Alpenverein Südtirol, Internationale Kommission für alpine Notfallmedizin ICAR MEDCOM, Medizinische Universität, Innsbruck 2 Krankenhaus Bruneck, Bergrettungsdienst im Alpenverein Südtirol 3 Bergrettungsdienst im Alpenverein Südtirol, Bruneck Der Lawinennotfall Eine aktuelle Übersicht Notfallmedizin Fallbericht Vier Skitourengeher (d. h. Sportler, die Berge auf speziellen rutschfesten Skiern besteigen und abseits präparierter Ski- pisten ins Tal abfahren) steigen an einem sonnigen Samstag im Februar 2005 im Ahrntal/Südtirol Richtung Keilbachspit- ze (3093 m) auf. Der Lawinenlagebericht hat für diesen Tag ein Lawinenrisiko der Stufe 2 von 5 (mäßiges Risiko) gemeldet. Auf 2100-m-Meereshöhe, kurz vor dem Ende eines kleinen 50 m hohen Hangan- stiegs, löst sich eine Lawine, und die ers- ten 2 Skitourengeher werden mitgerissen. Es ist 9:45 Uhr morgens. Der Notruf kann aufgrund eines Mobilfunknetzloches erst nach einer Skiabfahrt von 200 Höhenme- tern um 9:50 Uhr abgesetzt werden. Um 10:05 Uhr sind die 2 an der Rettungsak- tion beteiligten Hubschrauber in der Luft und setzen bald darauf neben Bergret- tern auch 2 Lawinensuchhunde mit ihren Führern nahe dem Lawinenkegel ab. Die Suche nach den 2 Verschütteten gestaltet sich schwierig, da die 2 Verschütteten ih- re Lawinenverschüttetensuchgeräte nicht eingeschaltet haben. Gegen 11:00 Uhr or- tet eine Sondierkette der Bergrettung, nach Grobanzeige durch einen Lawinen- hund, etwas Weiches in den Schneemas- sen. Rasch beginnt man mit Schaufelar- beiten. In etwa 3-m-Tiefe kann einer der beiden verschütteten Skitourengeher ge- funden werden. Behutsam arbeitet sich die Rettungsmannschaft zum Kopf des Opfers vor, dabei wird zwischen den gro- ßen festen Schneeschollen eine ca. 10 cm breite deutlich ausgebildete Atemhöhle (. Tab. 1) gefunden. Der Verschüttete ist bewusstlos, hat aber Spontanatmung und einen tastbaren Karotispuls von 60 Herz- schlägen/min, es ist 11:20 Uhr (Verschüt- tungsdauer 95 min). Mit dem Tympano- thermometer wird eine Körperkerntem- peratur (KKT) von 22°C gemessen. Der Patient wird bei noch schwach erhal- tenen Schutzreflexen mit 50 mg Propo- fol und 100 mg Succinylcholin narkoti- siert, orotracheal intubiert, mit Vecuroni- um nachrelaxiert und künstlich beatmet. Aufgrund des stabilen Kreislaufs wird be- schlossen, den Patienten in das nächstge- legene Krankenhaus mit Intensivstation in Bruneck/Südtirol zu transferieren. Durch eine Verzögerung erfolgt der Abflug erst gegen 12:05 Uhr. Kurz nach dem Aufwin- den des Patienten in den Hubschrauber tritt Kammerflimmern ein, die Durch- führung einer Herzdruckmassage unter- bleibt aber; der Zielort des Hubschrau- bers bleibt unverändert. Gegen 12:18 Uhr landet der Hubschrauber auf dem Dach des Krankenhauses; 2 Krankenhausärz- te erwarten den Patient schon. In Ab- sprache zwischen den Krankenhausärz- ten und dem Flugrettungsarzt entschei- det man sich nun doch für die Durch- führung einer Herzdruckmassage, die zu- mindest bis zur Bestimmung des Serum- Kalium-Werts, als entscheidendem pro- gnostischen Parameter, fortgesetzt wer- den soll; es ist 12:20 Uhr. Noch auf dem Krankenhausdach wird venöses Blut ab- genommen, die Serum-Kalium-Bestim- mung ergibt 4,3 mmol/l, d. h. es ist zu kei- ner schweren hypoxiebedingten Kalium- freisetzung gekommen. Die Prognose ist somit für den Patienten gut, und er wird unter ständiger kardiopulmonaler Reani- mation („cardiopulmonary resuscitation“, CPR) an die Universitätsklinik Innsbruck zur Aufwärmung an der Herz-Lungen- Maschine (HLM) geflogen; hier wird öso- phageal eine KKT von 23°C gemessen. Um 13:35 Uhr, fast 4 h nach der Verschüttung, und insgesamt 85-min-CPR und voraus- gegangenem Kammerflimmern für etwa 15 min ohne Herzdruckmassage wird der Patient an den extrakorporalen Kreislauf angeschlossen und wiedererwärmt. Sieb- zehn Tage nach dem Unfall wird der 30- jährige Skitourengeher aus dem Kranken- haus entlassen. Er hat keine hypoxischen Organschäden erlitten und ist wieder voll in seinen Beruf integriert. Der zweite Ver- schüttete hatte bei der Bergung die Atem- wege durch Schnee verlegt, und konn- te nach etwa 90 min nur mehr tot gebor- gen werden. Epidemiologie Jährlich versterben in Europa und Nord- amerika etwa 140 Personen durch Lawi- nen, davon entfallen ca. 35 Todesfälle auf Nordamerika, etwa 100 auf die europä- ischen Alpenländer und die restlichen 5 auf andere europäische Länder. Die meis- ten Lawinenabgänge sind Sportunfälle, ausgelöst durch Skifahrer oder „snow- boarder“. In Europa hat die Zahl der La- winenunfälle, die durch Sportler ausge- Herr Dr. H. Brugger ist Präsident der Internati- onalen Kommission für alpine Notfallmedizin ICAR MEDCOM. Redaktion K. Lindner, Innsbruck V. Wenzel, Innsbruck W. Wilhelm, Lünen 314 | Der Anaesthesist 3 · 2006