CORP 2003 19 Die Dynamik räumlicher Prozesse Georg FRANCK, Michael WEGENER (Prof. Dr. Georg Franck, IEMAR, Technische Universität Wien, franck@osiris.iemar.tuwien.ac.at) (Prof. Dr.-Ing. Michael Wegener, IRPUD, Universität Dortmund, mw@irpud.rp.uni-dortmund.de) 1 PROBLEMSTELLUNG Die gesellschaftliche Entwicklung der nachindustriellen Phase ist durch eine generelle Beschleunigung des Gesellschaftsprozesses und dadurch gekennzeichnet, dass die Informationsproduktion zur wichtigsten Quelle der wirtschaftlichen Wertschöpfung aufgestiegen ist. Hinter dem Beschleunigungsphänomen steckt die anhaltende Verknappung der Arbeits- beziehungsweise Erledigungszeit und die generell nachlassende Barrierenwirkung räumlicher Entfernung (siehe Wegener, Spiekermann 2002). Die Informationsproduktion wird zur Hauptquelle der Wertschöpfung, wo die repetitiven Prozesse der industriellen Fertigung durch überraschungsträchtige Prozesse des Herstellens und Herausfindens von Neuem in den Hintergrund gedrängt werden. Die Raumplanung hat sich auf diesen Wandel ihres Gegenstandsbereichs bisher nur unzureichend eingestellt. Nach wie vor sind statisch-komparative Vorstellungen und ein Denken in diskreten Zuständen vorherrschend. Auch in den Raumwissenschaften ist das Denken in Prozessen unterentwickelt. Einer der Gründe dafür ist, dass das Denken in dynamischen Kategorien auf Prozesse des Wandels eingeschränkt wird. Tatsächlich verlangt ein systematischer Übergang vom Denken in Zuständen zum Denken in Prozessen aber, dass Dauer und Wandel gleichermaßen berücksichtigt und gleichnamig beschrieben werden. Der folgende Beitrag versucht eine Klassifikation von Prozessen, die den Gegensatz von Dauer und Wandel in ein Spektrum kontinuierlicher Differenzen auflöst. Die Parameter der Beschreibung sind Reiz, Reaktion, Reaktionszeit, Wirkungsdauer, Wirkungstiefe und Reversibilität. In einer zweiten Betrachtungsebene wird die Stabilität räumlicher Prozesse untersucht. Mit Hilfe des Kriteriums Dämpfungscharakteristik wird die Robustheit von Strukturen in dynamische Kategorien übersetzt. 2 DYNAMIK RÄUMLICHER PROZESSE – STRUKTURKONZEPT „Evolution ist völlig offen, schnell und für jeden erkennbar und doch äußerst geheimnisvoll. ... Die Muster erscheinen hier einfach und dort komplex und manchmal so verschwommen, dass sie sich unserer Entschlüsselung entziehen, und alle wandeln sich, sogar von einem Tag auf den anderen, während wir zuschauen.“ Patrick Geddes: Cities in Evolution (1915) In seiner berühmten Abhandlung über Stadtplanung verwendete Patrick Geddes das Darwinsche Paradigma der Evolution zur Unterstützung seines Appells, die Natur von Städten besser zu verstehen. Für ihn umfasste die Analyse der Entwicklung von Städten drei Elemente: das Studium der Vergangenheit ("Whence?"), die Analyse der Gegenwart ("How") und die Vorausschau und Vorbereitung auf die Zukunft ("Whither?"). Die rationalistische Sicht der Stadtplanung hätte der Ausgangspunkt einer neuen Wissenschaft von der Stadt werden können, aber dafür war es zu früh. Selbst wenn Stadtplaner dem Rat Geddes‘ folgten "Survey before plan!", blieben die Analysen zumeist querschnittsbezogene Tabellen und Karten und hatten wenig Auswirkungen auf die nachfolgenden Planungen. Das Studium der Vergangenheit von Städten blieb die Domäne von Stadthistorikern wie Mumford (1938, 1961) und Gutkind (1964- 1972). Ihre Methode war grundsätzlich hermeneutisch, das heißt, sie zielte ab auf das Verstehen individueller Prozesse und einmaliger Konstellationen von Ursache und Wirkung. Abgesehen von der Beobachtung von Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Städten zu unterschiedlichen Zeiten war es nicht das Ziel, Regelhaftigkeiten oder systematische Kovariationen zwischen Variablen zu entdecken. Die änderte sich nach dem ersten Weltkrieg, als die Chicago-Schule der Stadtsoziologie begann, Prozesse des sozialen Wandels auf Stadtteil- und Stadtebene zu betrachten. Auf der Grundlage einer Adaption des Evolutionsgedankens aus der Philosophie (Spencer) und der Biologie (Darwin) interpretierte sie die Stadt als ein Ökosystem mit mehreren Gattungen, in dem unterschiedliche soziale und ökonomische Gruppen ums Überleben kämpfen (Park 1936). Die Chicago-Schule der Stadtökologie entwickelte ein System von raumzeitlichen Makrodeskriptoren des sozialen Wandels in Städten wie Expansion, Kontraktion, Dispersion, Invasion, Sukzession, Segregation und Dominanz. Diese Indikatoren konnten empirisch überprüft, generalisiert und zur Theorieentwicklung verwendet werden. Auf ihrer Grundlage wurden Theorien über die räumliche Entwicklung von Städten wie die der ringförmigen (Burgess 1925), sektoralen (Hoyt 1939) oder polyzentrischen (Harris, Ullman 1945) Stadtentwicklung aufgestellt. Allerdings blieben diese Theorien trotz ihrer räumlichen Bezeichnungen im wesentlichen soziale Theorien. Raum und Zeit kamen in ihnen nur als Kategorien vor, da analytische Methoden zur Behandlung von räumlichen und zeitlichen Intervallen nur rudimentär entwickelt waren. Mehr noch, die Theorien der Chicago-Schule waren im Grunde gar keine Evolutionstheorien, da sie in frag- würdiger Analogie zu biologischen Systemen sozialen Systemen eine Tendenz zu einem stabilen Gleichgewicht unterstellten. Von da an beschäftigte sich die Stadtforschung, wie ein großer Teil der damals entstehenden Regionalwissenschaft, hauptsächlich mit dem Raum und weniger mit der Zeit. Die Standorttheorie, insbesondere die Theorie städtischer Bodenmärkte (Alonso 1964) beruhte fast ausschließlich auf Annahmen über die Wirkung der Erreichbarkeit auf das Gleichgewicht zwischen Bodenangebot und -nachfrage; sie verlor die Anpassungsvorgänge bei der Erreichung dieses Gleichgewichts völlig aus dem Auge. Das Modell der räumlichen Stadtentwicklung von Lowry (1964) beraubte dieses Modell auch noch seiner letzten auf menschlichem Verhalten aufbauenden Annahme, der Annahme ökonomisch rationalen Verhaltens; räumliche Distanz blieb als einzige Einflussgröße der Verteilung menschlicher Aktivitäten im Raum übrig.