| Der Nervenarzt 3·99 Übersicht 206 J. Gallinat · U. Hegerl Psychiatrische Klinik (Direktor: Prof. Dr. H.-J. Möller) der Ludwig-Maximilians-Universität München Gesteigerte limbische Erregungsbildung bei Angstattacken findens. Die Patienten berichten über in- tensive Angst, Entfremdungsgefühle und begleitende vegetative Symptome wie Schwitzen, Herzklopfen, Tachypnoe aber auch Schwindel, Brustschmerzen und Parästhesien. Auch das Auftreten von epileptisch bedingter Angst ohne konvulsive Symptome im Sinne einer isolierten Angstaura ist möglich [45, 69]. Diese kann Panikattacken entsprechend der ICD-10-Kriterien so täuschend äh- neln, daß die Fehldiagnose einer Panik- störung möglich ist [82, 79] wie auch umgekehrt eine Panikstörung als Epi- lepsie verkannt werden kann [40, 24]. Abbildung 1 und 2 zeigen Ausschnitte der Ruhe-EEG-Ableitungen eines dia- gnostisch schwer einzuordnenden Grenzfalles. Neben dieser phänomenologischen Ähnlichkeit von Panikattacken nach ICD-10 und einer epileptischen Angstau- ra ist das häufige Auftreten von anfallsar- tiger Angst vor, während und nach einem epileptischen Anfall auffällig. Iktal auf- tretende Angstattacken werden bei etwa einem Drittel der Patienten mit fokalen Krampfanfällen beobachtet und stellen damit die häufigsten psychiatrischen grenzt werden kann. Ähnliche Überlegungen können für die ICD-10-Diagnose der Agora- phobie mit Panikstörung angestellt werden. Die Größe dieser Untergruppe ist nicht ge- nau bestimmbar, da ein iktaler limbischer Prozeß durch die oberflächenferne Lokalisa- tion dem Skalp-EEG häufig entgeht. Entspre- chend der Hinweise auf gesteigerte limbi- sche Erregbarkeit bei Panikstörung wurden ätiologiebezogene Behandlungsansätze mit Antiepileptika durchgeführt. Für Valproin- säure konnten bisher die besten Belege für eine günstige Wirkung erbracht werden. Es erscheint daher sinnvoll bei Nichtanspre- chen auf die herkömmliche Pharmakothera- pie bei Panikstörung einen Behandlungsver- such mit einem Antiepileptikum zu unter- nehmen. Schlüsselwörter Iktale Angst · Panikstörung · Angst · EEG-Veränderungen · Übersichtsartikel Übersicht Nervenarzt 1999 · 70: 206–215 © Springer-Verlag 1999 Zusammenfassung Angstanfälle zählen zu den häufigsten psy- chischen Symptomen im Rahmen epilepti- scher Anfälle und sind v.a. in Form einer Ang- staura beobachtbar. Ebenso ist es möglich, daß Angstanfälle ohne konvulsive Sympto- me in Form einer isolierten Angstaura auf- treten. Die epileptische Genese ist in solchen Fällen nicht ohne weiteres erkennbar,und die Symptomatik kann völlig mit den ICD- 10-Kriterien einer Panikattacke übereinstim- men. Dementsprechend stellt die isolierte Angstaura in der psychiatrischen Diagnostik eine mögliche Differentialdiagnose zur Pa- nikstörung dar.Von besonderem pathophy- siologischen Interesse ist die enge Bezie- hung von epileptischer Erregungssteigerung und Panikattacken. Seit langem wird in der Literatur über eine gesteigerte Erregungsbil- dung limbischer Strukturen als biologisches Korrelat für anfallsartige Angst und Panik diskutiert. Intrazerebrale Stimulationsversu- che belegen die besondere Bedeutung einer gesteigerten neuronalen Erregbarkeit im Mandelkern und Hippocampus. PET und EEG-Untersuchungen liefern eine Reihe von meist indirekten Hinweisen, daß auch bei ei- nem Teil der Patienten mit der Diagnose Pa- nikstörung nach ICD-10 eine gesteigerte Er- regbarkeit limbischer Strukturen von patho- physiologischer Bedeutung ist. Dies legt die Vermutung nahe,daß die Panikstörung nach ICD-10 keine homogene Krankheitsentität darstellt, sondern eine Untergruppe mit ge- steigerter zerebraler Erregbarkeit abge- Dr. J. Gallinat Psychiatrische Klinik der Ludwig-Maximilians- Universität München, Abteilung für Klinische Neurophysiologie, Nußbaumstraße 7, D-80336 München Panikattacken entsprechend der ICD- 10-Kriterien einerseits und Angstanfälle im Rahmen fokaler epileptischer Anfäl- le andererseits besitzen eine Reihe von gemeinsamen Symptomen und sind kli- nisch teilweise kaum unterscheidbar. Beide können plötzlich und ohne er- sichtlichen Auslöser auftreten, sind meist von kurzer Dauer mit einer an- schließenden raschen Besserung des Be-