Redaktion M. Cierpka, Heidelberg Psychotherapeut 2012 · 57:42–49 DOI 10.1007/s00278-010-0802-3 © Springer-Verlag 2011 Jan Dieris-Hirche 1 · Wolfgang E. Milch 2 · Jörg P. Kupfer 3 · Frank Leweke 2 · Uwe Gieler 2 1 Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinikum Lüdenscheid 2 Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Justus-Liebig-Universität, Gießen 3 Institut für Medizinische Psychologie, Justus-Liebig-Universität, Gießen Alexithymie bei Neurodermitis Ergebnisse einer Fall-Kontroll-Studie mit 62 erwachsenen Neurodermitikern Psychodermatologische Untersu- chungen weisen immer wieder auf Zusammenhänge zwischen psychi- schem Distress (z. B. seelische Belas- tung) und Exazerbation von Hauter- krankungen hin (Arndt et al. 2008; Gupta u. Gupta 1996; Pines 1981). Da- bei ist nicht allein die Menge bzw. die Art der Stressoren für die individuel- le Beeinträchtigung von Bedeutung. Wichtig scheinen erlebte, subjekti- ve Stresserfahrung sowie die interna- lisierten affektiven Verknüpfungen zu sein (Kodama et al. 1999), die auch durch Persönlichkeitsmerkmale be- einflusst werden (Popp et al. 2008). Hintergrund Der Anfang der 1970er Jahre von Sifneos (1973) geprägte Begriff Alexithymie lässt sich aus dem Griechischen etwa mit den Worten „Fehlen der Worte für Gefühle“ übersetzen. Er umschreibt in seiner heute verwendeten Bedeutung eine affektiv-ko- gnitive Störung, die im affektiven Bereich mit Schwierigkeiten in der Wahrnehmung und Kommunikation von Gefühlen und im kognitiven Bereich mit einem stereo- typen, an äußeren Ereignissen und Ob- jekten orientierten Denkstil verbunden ist (Bagby u. Taylor 1997). Alexithymiepati- enten gebrauchen zudem eher eine kon- krete, flache, vereinfachte und wenig fan- tasiereiche Sprache. Andere in der Litera- tur genannte Bezeichnungen wie „infanti- le Persönlichkeit“ (Ruesch 1948), „pensée opératoire“ (Marty u. M‘Uzan 1963) oder „Pinocchio-Syndrom“ (Sellschopp-Rüp- pell u. Rad 1977) beschreiben ähnliche, als ein „emotionales Analphabetentum“ zu- sammenfassbare Merkmale bei psychoso- matischen Patienten. Ätiologisch werden psychodynamische, entwicklungspsycho- logische, traumabedingte und neurobio- logische Erklärungskonzepte diskutiert (Überblick bei Franz u. Schäfer 2009a; Franz u. Schäfer 2009b). Die Literatur (erstmalig veröffentlicht von Freyberger 1977) unterscheidet zwi- schen primärer und sekundärer Alexit- hymie: Die primäre Alexithymie ist Aus- druck einer tief greifenden Ich-Störung, die mit frühen, (bindungs-)traumatischen Erfahrungen und Bindungsstörungen so- wie mangelhafter Fähigkeit zur Mentali- sierung einhergeht (Defizitmodell). Die sekundäre Alexithymie wird eher als eine intrapsychische Reaktion (Konfliktangst- abwehr) auf späte tief greifende Lebens- ereignisse (z. B. Krankheiten, Krieg) ver- standen. Neurobiologische Untersuchungen diskutieren v. a. Defizitmodelle. Im Sinne eines „Diskonnektionssyndroms“ werden Störungen an unterschiedlichen Stellen eines komplexen neuronalen Regelkrei- ses (interhemisphäre Störung, Störung im limbischen System/vorderer zingulä- rer Kortex, Störung der frontal-subkor- tikalen Verbindung) beschrieben, die zu einer reduzierten Übertragung „neuronal unterlegter emotionaler Aktivitätsmuster führen und somit vom betroffenen Indi- viduum weniger oder kaum noch wahr- genommen werden können“ (Gündel et al. 2000). In der psychophysiologischen Befor- schung des Phänomens Alexithymie wird die Frage nach einer vegetativen Über- erregbarkeit und einer damit verbunde- nen reduzierten Stressbewältigung dis- kutiert. In der Emotional Discharge Theo- ry (EDT) wird angenommen, dass die verminderte Fähigkeit, Affektzustände als eigene Gefühle wahrzunehmen, zu einer physiologisch-vegetativen Dysre- gulation (sympathikotone Daueraktivie- rung) führt, was letztendlich in einer ver- änderten Organinnervation (z. B. auch in der Haut) resultiert und Symptombil- dung sowie Chronifizierung begünstigt. Ein zweiter Ansatz geht von einer fehler- haften kognitiven Bewertung von Emo- tionen aus (fehlerhafte kognitiv-emotio- nale Schemata), wodurch psychophysio- logisch eine angemessene Stressbewälti- gung („coping“) verhindert wird (Franz u. Schäfer 2009b). Beide Ansätze ließen Alexithymie als einen Prädispositionsfak- tor bei der Entstehung und Chronifizie- rung von Neurodermitis erscheinen. Der entzündungssteigernde und symptomver- stärkende Einfluss von Stress in der Ätio- 42 | Psychotherapeut 1 · 2012 Originalien Originalien