A. Hill · P. Briken · W. Berner
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, BRD
Pornographie und
sexuelle Gewalt im
Internet
Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch -
Gesundheitsschutz 2007 · 50:90–102
DOI 10.1007/s00103-007-0114-8
Online publiziert: 21. Dezember 2006
© Springer Medizin Verlag 2006
P ornographie im Internet ist zunächst
einmal Pornographie – und sie ist nur
eine von vielen Ausdrucksformen von
Sexualität in diesem nicht mehr ganz
neuen Medium. Das Wort Pornographie
stammt aus dem Griechischen und be-
deutet ursprünglich „über Huren schrei-
ben“. Unter Pornographie wird heute die
sprachliche oder bildliche „Darstellung
geschlechtlicher Vorgänge unter einsei-
tiger Betonung des genitalen Bereichs und
unter Ausklammerung der psychischen u.
partnerschaftlichen Aspekte der Sexuali-
tät“ verstanden [1]. Dass jedoch die Zu-
ordnung zum Begriff Pornographie sehr
von dem Kontext abhängig ist, wird in
der Definition im Psychrembel Wörter-
buch Sexualität deutlich: „Darstellung von
Sachverhalten mit sexuellem Inhalt, die
nach den jeweils (individuell oder sozial)
zugrunde gelegten Normen als Obszönität
gelten, indem sie Tabus brechen oder aus
anderen Gründen als sozial nicht akzepta-
bel erscheinen“ [2]. Pornographie ist im-
mer wieder mit sexueller Gewalt in Ver-
bindung gebracht worden. Diesbezüglich
gibt es 4 kontroverse Grundpositionen:
Position 1. Pornographie ist ein Sicher-
heitsventil. Risikopersonen können sich
mit Hilfe von Pornographie davor schüt-
zen, deviante Fantasien und Impulse in
der Realität in selbst- oder fremdschädi-
gendes Verhalten umzusetzen. So könne
z. B. der Konsum von Kinderpornogra-
phie als Ersatz für reale sexuelle Kontakte
mit Kindern dienen.
Position 2. Pornographie ist die direkte
oder indirekte Ursache von sexueller Ge-
walt. Aus der feministischen Kritik an
Pornographie stammt das Motto: „Por-
nographie ist die Theorie, Vergewaltigung
die Praxis“. Besonders bei Risikopersonen
fungiert Pornographie als Verstärker oder
Auslöser sexuell aggressiver Fantasien
und Impulse.
Position 3. Der Konsum von Pornogra-
phie ist lediglich Folge bzw. Ausdruck
einer bestehenden Neigung zu sexueller
Aggressivität.
Position 4. Es gibt keinen ursächlichen
Zusammenhang zwischen Pornographie
und sexueller Gewalt.
Bevor diese Positionen erörtert werden,
soll zunächst die Bedeutung des Internets
für Sexualität insgesamt kurz dargestellt
werden.
Sexualität und Internet
Das Internet hat sich in den letzten 20 Jah-
ren zu dem wahrscheinlich wichtigsten
Kommunikationsmedium in der indus-
trialisierten Welt entwickelt. Dabei spielt
Sexualität weiterhin eine herausragende
Rolle: Bei der Internet-Suchmaschine
Google finden sich aktuell unter dem
Stichwort „Sex“ 719.000.000 Links, unter
„Pornography“ 35.400.000 (28. Juli 2006).
Um die Jahrtausendwende waren ca. 20 %
aller Internetnutzer in irgendeiner Form
im Netz sexuell aktiv [3]. Die Zahl von
Besuchern auf Sex-Websites stieg in der
Zeit von Dezember 1999 bis Februar 2001
um 27 % von 22 Mio. auf 28 Mio. [4]. Laut
einer Untersuchung konsumierten im
Jahr 2001 33 % der deutschen Internetnut-
zer häufig Cybersex, davon waren 82 %
Männer und 18 % Frauen [5]. Mit dem
Internet – so Cooper und Griffin-Shelley
[6] – sei eine „neue sexuelle Revolution“
angebrochen, vergleichbar mit dem Ein-
fluss der Antibabypille. Mit dem Internet
gehe das mechanische Zeitalter zu Ende,
das virtuelle Zeitalter entfalte sich [7].
Sexualität findet im Internet mannig-
faltige Ausdrucksformen: Fotos, Filme,
Texte, Kurzbotschaften (Instant-Message-
Systeme), Chats, Multi-User-Domains
(MUD), direkte akustische (Telefon) und
visuelle (Webcam) Kommunikation (für
einen detaillierte Übersicht über die ak-
tuellen Möglichkeiten s. [8]). Unter Cy-
bersex im engeren Sinne (auch Cybering,
Online-Sex, virtueller Sex u. Ä. genannt)
versteht man „computervermittelte zwi-
schenmenschliche Interaktionen, bei de-
nen die beteiligten Personen offen sexuell
motiviert sind, also sexuelle Erregung und
Befriedigung suchen, während sie einan-
der digitale Botschaften übermitteln“ [5,
6]. Cybersex ist also keine Mensch-Ma-
schine-Interaktion und als soziales Ge-
schehen auch kein Solosex. Beim videoba-
sierten Cybersex treten die Teilnehmer
per Online-Videokontakt oder -konferenz
miteinander in Verbindung, bei Bedarf
ergänzt durch Audio- und Textdialog.
Derzeit dominiert aber der textbasierte,
maschinenschriftliche Cybersex, sei es
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Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 1 · 2007
Leitthema: Sexualmedizin