Der Neue Mensch APu( 27 Nicht neu, aber bestmöglich ALLTÄGLICHE ȽSELBSTȾOPTIMIERUNG IN NEOLIBERALEN GESELLSCHAFTEN Stefanie Duttweiler Um den Neuen Menschen als Sehnsuchts- und Erlösungsfigur ist es ruhiger geworden. Gänzlich verschwunden ist sie nicht, lediglich der Kollektiv- singular „Der Neue Mensch“ wurde ad acta gelegt. Doch heute steht weniger der Ziel- und Endpunkt einer radikalen Selbsttransformation im Zentrum des Diskurses, sondern Optimierung als Prozess. Selbstoptimierung meint aktuell denn auch weni- ger die radikale Verwandlung zu einem Neuen oder einem perfekten Menschen, sondern einen konti- nuierlichen Veränderungsprozess in verschiedenen Bereichen des Lebens. Das Leben erweist sich eher als „ewige Baustelle“, denn immer wieder werden neue Ziele anvisiert und ständig „Ausbesserungen“ in der Lebensführung vorgenommen, um sich an (veränderte) Umweltbedingungen – neue Mög- lichkeiten, neue Hindernisse, neue Herausforde- rungen – anzupassen. Versteht man unter Opti- mierung „perfektionierende Vervollkommnung“ scheint der Begriff also eher unangebracht. Doch „Optimum“ bezeichnet laut Duden nicht einen denkbaren Idealzustand, sondern das Bestmög- lichste, ein „unter den gegebenen Voraussetzun- gen, im Hinblick auf ein Ziel höchstes erreichbares Maß“. Optimierung beschreibt mithin die Form des Such- und Kompromissbildungsprozesses, deren Inhalt von den jeweiligen Zielen bestimmt wird. Trotz Individualisierung und Pluralisierung sind diese Ziele eingebettet in kulturelle Wertsys- teme, Normen und Wunsch- und Idealbilder. Wie diese ausbuchstabiert werden, ist jedoch dem Ein- zelnen überlassen, denn es gibt heute keinen all- gemeingültigen Maßstab – weder für Gesundheit, Schönheit, noch für Glück, Wohlbefinden oder be- ruflichen Erfolg. Die Optimierung des Selbst ge- staltet sich dabei für die meisten Menschen eher Schritt für Schritt und zeichnet sich gerade nicht durch technische, chemische oder genetische Op- timierung aus, sondern durch kleine Modifikatio- nen der alltäglichen Lebensführung hin zu einem glücklicheren, fitteren oder gesünderen Leben. Doch weder diese inkrementelle Ausrichtung noch die Orientierung am Selbst bedeuten, dass damit das Soziale und Politische aus dem Traum der Selbstveränderung verschwunden sind. In Anlehnung an die Analysen des Philosophen Mi- chel Foucault zur Gouvernementalität der Ge- genwart zeigt der folgende Beitrag, dass Selbst- optimierung ein „Kontaktpunkt“ ist, an dem sich die Wünsche und Interessen der Einzelnen mit politischen Zielen im weiteren Sinne treffen. GOUVERNEMENTALITÄT DER GEGENWART Gegenwärtige Selbstoptimierung bezieht sich auf verschiedene Ziele und bedient sich verschiede- ner Mittel. Mit Foucault kann man Praktiken der Selbstoptimierung als „Technologien des Selbst“ beschreiben, also als jene „Formen, in denen das Individuum auf sich selbst einwirkt“, 01 sich selbst gestaltet und sich selbst eine Form gibt. Blickt man mit Foucault auf Praktiken menschlichen Handelns, weitet sich der Blick- winkel und zielt auf den historisch je spezifischen Zusammenhang von Wissen, Macht und Techno- logien des Selbst, die – so die Erkenntnis in Fou- caults Werk – so ineinander verschränkt sind, dass sie nicht unabhängig voneinander analysiert und diskutiert werden können. In seinen späten Ar- beiten hat Foucault diesen Zusammenhang an der Herausbildung des modernen Staates und damit der modernen Gouvernementalität aufgezeigt. Mit dem Kunstwort „Gouvernementalität“ be- zeichnet er jene Macht- und Wissenskomplexe, in denen die Formen der politischen Regierung auf Formen der Selbstführung zurückgreifen. Dabei bezieht er sich auf ältere Begriffsfelder von Re- gierung, in denen zugleich die „Tätigkeit des ‚An- führens‘ anderer (vermöge mehr oder weniger strikter Zwangsmechanismen) und die Weise des Sich-Verhaltens in einem mehr oder weniger offe-