Der Anaesthesist 7•2002
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Zusammenfassung
Hintergrund. Unter transienten neurolo-
gischen Symptomen (TNS) nach einer
Spinalanästhesie (SPA) versteht man aus-
strahlende Rückenschmerzen mit dump-
fem Charakter, die innerhalb von 24 h nach
dem Abklingen einer SPA auftreten und
üblicherweise 1–3 Tage anhalten. Neuro-
physiologische Untersuchungen zeigen
keinerlei pathologischen Befund. Die Dis-
kussion um potenzielle Risikofaktoren für
TNS dreht sich hauptsächlich um die Art
und Zubereitung des Lokalanästhetikums.
Diese Risikofaktoren sollten in der vorlie-
genden systematischen Übersicht näher
untersucht werden.
Methodik. Es wurde eine systematische
Literaturrecherche nach randomisierten,
kontrollierten Studien durchgeführt, in denen
die Häufigkeit von TNS nach SPA untersucht
wurde. Neben einer beschreibenden Statistik
wurden auf der Basis eines Random-effects-
Modells das gepoolte relative Risiko (RR) und
die number-needed-to-harm (NNH) mit den
jeweiligen 95%-Konfidenzintervallen (95%-
KI) berechnet.
Ergebnisse. Insgesamt erfüllten 29 Untersu-
chungen mit 2.813 Patienten die Einschluss-
kriterien. Summiert man alle Patienten der
identifizierten Studien ohne weitere Ge-
wichtung auf, ergibt sich eine deutlich höhe-
re Inzidenz von TNS nach Lidocain (16,9%)
und Mepivacain (19,1%) gegenüber Bupiva-
cain (1,1%) bzw. Prilocain (1,7%). Für Tetra-
Seit der Markteinführung von Lido-
cain im Jahr 1948 wird diese Substanz
zur Spinalanästhesie (SPA) eingesetzt.
Lange Zeit galt Lidocain als nebenwir-
kungsarmes Lokalanästhetikum und
wurde v. a. für kürzere Operationen ver-
wendet. Eine Sicherheitsevaluation von
Lidocain an 10.440 Patienten, deren Da-
ten allerdings erst 1969 publiziert wur-
den, ergab bei immerhin 284 (2,7%) Pa-
tienten unerklärbare Rückenschmerzen,
die bei 91 Patienten derart stark und an-
haltend waren, dass diese weitere SPA
verweigerten [30].
Erst weitere 24 Jahre nach diesem
Bericht beschrieben 1993 Schneider et al.
einen Symptomenkomplex aus Rücken-
schmerzen mit Ausstrahlung oder Dys-
ästhesien im Glutealbereich, den Hüften,
Oberschenkeln und Waden mit eher
dumpfem Schmerzcharakter [39]. Die
Beschwerden treten innerhalb von 24 h
nach dem Abklingen einer unkompli-
zierten SPA auf und halten in der Regel
1–3 Tage an. Die betroffenen Patienten
klagen über mittelstarke bis starke
Schmerzen, die auf einer Schmerzskala
typischerweise mit 3–8 Punkten (von
Originalien
Anaesthesist 2002 · 51: 539–546
DOI 10.1007/s00101-002-0345-2
L. H. Eberhart
1
· A. M. Morin
1
· P. Kranke
2
· G. Geldner
1
· H. Wulf
1
1
Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie,Philipps-Universität Marburg
2
Klinik für Anaesthesiologie, Universität Würzburg
Transiente neurologische
Symptome nach
Spinalanästhesie
Eine quantitative systematische Übersicht
(Metaanalyse) randomisierter kontrollierter Studien
© Springer-Verlag 2002
Dr. Leopold Eberhart
Klinik für Anästhesiologie, Philipps-Universität
Marburg, Baldingerstrasse 1, 35033 Marburg
E-Mail: eberhart@mailer.uni-marburg.de
cain, Procain und Ropivacain liegen bislang
zu wenige Daten für sichere Aussagen zu
TNS-Häufigkeiten vor.Bei der Metaanalyse
der Daten aus direkten Vergleichen bestätig-
ten sich diese Ergebnisse. Demnach beträgt
das RR für TNS nach Lidocain 6,7 (95%-KI:
2,5–18) im Vergleich zu SPA mit Bupivacain
bzw.5,5 (95%-KI: 2–15) im Vergleich zu Pri-
locain. Nach Lidocain und Mepivacain treten
TNS gleich häufig auf (RR: 1,0; 95%-KI:
0,2–7). Die vorliegenden Daten zeigen zudem,
dass die Barizität und die Konzentration des
Lokalanästhetikums sowie der Zusatz von
Vasokonstriktoren keinen Einfluss auf die
TNS-Inzidenz haben.
Schlussfolgerung. Prilocain und Bupivacain
für die SPA verursachen deutlich weniger
TNS als Lidocain und Mepivacain. Zu den an-
deren verfügbaren Lokalanästhetika liegen
für eine valide Beurteilung noch zu wenige
Untersuchungen vor.
Schlüsselwörter
Transiente neurologische Symptome · TNS ·
Spinalanästhesie · Quantitative
systematische Übersicht ·Metaanalyse