86 Rituale und Integrationskompetenz beim Gebrauch psychoaktiver Substanzen Henrik Jungaberle 1. Warum es lohnt, über Rituale des Drogengebrauchs nachzudenken Rituale sind – unter anderem – Kommunikationsformen. In Ritualen hat das Tun und Zeigen Vorrang gegenüber der sprachlichen, argumentativen Verständigung. Man kann Rituale im Zusammenhang mit dem Gebrauch wahrnehmungs- und erlebensverändernder Substanzen als Lernkontexte untersuchen, in denen Menschen verschiedene Umgangsformen mit diesen Pflanzen oder Chemikalien einüben. Wie lernt man in einer post-traditionellen und individualistischen Mediengesellschaft (über) den Gebrauch legaler und illegaler Drogen? Weit davon entfernt, nur rigide Formen von sozialer Kontrolle zu vermitteln (vgl. Douglas 1986/1970), können bestimmte Arten von Ritualen – so meine These - einen Beitrag zur Ausbildung und Stabilisierung eines verantwortlichen Umgangs mit Rauscherfahrung und psychoaktiven Substanzen leisten. In Ritualen des Substanzgebrauchs geht es – unter anderem – um das Erlernen von Integrationskompetenz. In post-modernen Lebensumständen hat kaum jemand ein Verhaltens- und Denkrepertoire zur Verfügung, auf das man zurückgreifen könnte, um nicht-alltägliche Erfahrungen zu einem gesunden Teil des eigenen Lebens zu machen. Ob substanzbezogene Rituale einen verantwortlichen (integrativen) oder schädlichen (desintegrativen) Gebrauch unterstützten hängt vom autonomiefördernden oder –verdrängenden Charakter der in Ritualen inszenierten Jungaberle, H. (2006). Rituale und Integrationskompetenz beim Gebrauch psychoaktiver Substanzen. In H. Jungaberle, R. Verres & F. DuBois (Eds.), Rituale erneuern - Ritualdynamik und Grenzerfahrung in interdisziplinärer Perspektive (pp. 86-123). Gießen: Psychosozial Verlag.