Daniela Gretz Archen in der Papierflut der Gegenwart. Zur medialen Selbstinszenierung von Zeitschriften als Archiven in der „Bildungspresse“ des 19. Jahrhunderts „Nicht mit Unrecht nennt man unsre Epoche das papierne Zeitalter: wir ersticken buchstäblich in dem Wust von Material, das aus der Buchdruckpresse hervorgeht.“ 1 I. Mediale Selbstinszenierung und Archivierungspraxis der „Bildungspresse“ Die zeitgenössische Selbstbeschreibung als ‚papiernes Zeitalter‘, wie sie 1895 exemplarisch der im Motto zitierte Beitrag „Das Ende des Buches“ in der Familienzeitschrift Vom Fels zum Meer 2 thematisiert, reflektiert selbstkritisch die exponentiell anwachsenden Papierfluten des langen 19. Jahrhunderts. Denn vor allem die Expansion der Presse in Gestalt eines prosperierenden und sich diversifizierenden Marktes für periodische Druckerzeugnisse, wie den illustrierten Familienzeitschriften als ersten Massenmedien, 3 hat zu dieser Papierflut einen entscheidenden Beitrag geliefert. Sie ist aber nicht zuletzt auch Ausdruck zeitlich – in Gestalt von Geologie und Archäologie – und räumlich – in Form von Geographie und Ethnologie – expandierender Wissensdiskurse, die sich zu diesem Zeitpunkt noch vor allem durch ihre Supplementarität, ihre ständige Revision und zukunftsoffene Perfektibilität auszeichnen. Die damit verbundene Informationsexplosion ist zwar prinzipiell mit dem Versprechen auf stetige Vermehrung und universelle Verbreitung des zeitgenössischen Wissens verbunden, produziert aber zugleich das Problem, wie angesichts der nicht mehr überschaubaren tagtäglichen Informationsfluten das bewahrenswerte Wissen überhaupt noch identifizier-, selektier- und nutzbar gemacht werden kann. Diesem Problem der Überführung der ephemeren Papierflut in ein dauerhaftes Archiv des Wissens begegnen die populären Zeitschriften der „Bildungspresse“, 4 indem sie sich als „fortlaufende[] Enzyklopädien“ 5 der Zeit inszenieren: Das Einbringen der Wochenereignisse in diese imaginäre Bibliothek der Geschichte vollzieht sich in drei Schritten. Zunächst werden in den einzelnen Zeitschriftennummern die Depositorien der Geschichte mit Material gefüllt. Danach werden diese Wochensegmente zu Halbjahresbänden zusammengefaßt und über Register zu überschaubaren Archiven geordnet. So 1 Jerum (1895), S. 357. Beim Namen des Verfassers „O. Jerum“ handelt es sich vermutlich um ein aus Eugen Höflings Lied „O alte Burschenherrlichkeit“ abgeleitetes Pseudonym. 2 Vom Fels zum Meer. Spemann’s Illustrirte Zeitschrift für das Deutsche Haus erschien mit einer Auflage von maximal 50000 Exemplaren zunächst monatlich, dann halbmonatlich von 1881 bis 1905 in Stuttgart (bis 1890 im Verlag Wilhelm Spemann, dann im Union-Verlag) und ging schließlich in der Gartenlaube auf. 3 Vgl. zu diesem Zeitschriftentypus: Kirschstein (1937), Barth (1974) und (1975). 4 Vgl. zum Begriff der „Bildungspresse“ als Sammelbezeichnung für Familien- und Rundschauzeitschriften Graevenitz (1993), Kinzel (1993), S. 671 f. 5 Frank/Podewski/Scherer (2009), S. 18; vgl. auch Butzer (2005), S. 122.