1 Gießener Universitätsblätter 49 | 2016 Wolfgang Achtner Mystische Erfahrung und theologische Grundlagenforschung Bedeutung vorgestellt. Am Anfang stand das Experiment 2011 in der Johanneskirche „Ma- gister, Mystiker, Manager – Eine Mystische Nacht mit Meister Eckhart“. Angesichts Kopf- lastigkeit und Erfahrungsarmut im Protestantis- mus hatte der Verfasser dieses Projekt in Ko- operation mit dem Evangelischen Dekanat und in Abstimmung mit dem Präsidium der Univer- sität initiiert. Hier wurde zum ersten Mal die Wirkung mystischer Erfahrung, im Falle Meister Eckharts vor allem sein Begriff der Gelassen- heit, in unterschiedlichen Bereichen intellektu- ell, aber auf verschiedene Weise auch für die Besucher erfahrungsbezogen thematisiert. In einem an der Idee des Gesamtkunstwerks ori- entierten Konzept wurden bei dieser Veranstal- tung, die bis 3.30 Uhr morgens dauerte, eine Videoinstallation, ein Theaterstück über den Prozess gegen Meister Eckhart, eine Mitter- nachtspredigt, eine Podiumsdiskussion, diverse wissenschaftliche Vorträge, gregorianische Mu- sik, angeleitete Meditationsübungen und eine gemeinsame Stille integriert. Die guten Erfahrungen mit dieser ersten Mysti- schen Nacht ermutigten, zwei Jahre später im Jahr 2013 in der Petrusgemeinde eine weitere Mystische Nacht durchzuführen. Diesmal ging es um: „Hildegard von Bingen – Magistra, Me- dizinerin, Mystikerin“. Auch bei dieser Mysti- schen Nacht war das Gesamtkonzept die Inte- gration verschiedener Wissenschaftsbereiche in Verbindung mit Musik und Kunst. Im Hin- blick auf die Musik lag es nahe, die Kompositi- on „Ordo Virtutum“ von Hildegard von Bingen, ein musikalisch sehr anspruchsvolles mittelal- terliches Mysterienspiel, zur Aufführung zu bringen. In der Tat stellte es, aufgeführt von Studenten und Mitgliedern des Belcanto-Stu- dios, einen der Höhepunkte des Abends dar. Zum ersten Mal wurde bei dieser Mystischen Nacht auch das Medium Film eingesetzt. Die Voraussage zahlreicher Religionssoziolo- gen, dass im 21. Jahrhundert die Religionen in den industrialisierten Ländern rückläufig seien, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil, weltweit gesehen sind die Religionen bei all ihrer Vielfalt und Verschiedenheit auf dem Vormarsch, nicht immer zum Segen der Menschen. Im Rahmen der fortschreitenden Globalisierung und der damit verbundenen unmittelbaren Nachbar- schaft von verschiedenen Religionen stellt sich auch die Frage angesichts unterschiedlicher re- ligiöser Einstellungen nach einem Minimalkon- sens bezüglich religiöser Einstellungen und Werten, auf den sich alle Religionen einigen könnten. Denn der Zusammenhalt einer Gesell- schaft ist nur dann gewährleistet, wenn bei al- ler begrüßenswerten Vielfalt auch religiöser Vorstellungen und Werte diese in ihren Grund- lagen nicht so stark differieren, dass das Zu- sammenleben gefährdet ist. Vielmehr sollte auch angesichts großer Differenzen nach einem Minimalkonsens gesucht werden, der im Diens- te des Wohls des Menschen steht. Für einen solchen dem Menschen und seiner seelisch- geistigen Entwicklung förderlichen erfahrungs- bezogenen Minimalkonsens steht die Mystik, die in allen Weltreligionen die spirituelle Erfah- rungsdimension des Göttlichen darstellt. Aber nicht nur in den Religionen artikuliert sich diese Erfahrung, auch in Kunst, Literatur, Musik kön- nen sich solche mystischen Dimensionen nie- derschlagen. Mystische Nächte von 2011 bis 2015 In den Mystischen Nächten, die seit 2011 im Zweijahresrhythmus an wechselnden Orten in Gießen durchgeführt werden, wird diesen be- sonderen religiösen Erfahrungen Raum gege- ben, zugleich werden exemplarische Mystiker bzw. Mystikerinnen in ihrem Wirken und ihrer 001-010_Achtner.indd 1 03.05.2016 15:31:26 Uhr