Anatolische Idole in Ostthrakien: K ı rklareli-Kanl ı geçit Necmi Karul Istanbul Die Grabung Der Fundort von Kırklareli-Kanligeçit eröffnete der Archäologie Südosteuropas eine neue Perspektive, denn die dortigen Ausgrabungen brachten Spuren frühbronzezeitlicher Bevölkerungsgruppen aus Anatoli- en zutage, die in Ostthrakien siedelten und die frühesten städtischen Siedlungen auf dem Balkan gründe- ten. In Kırklareli finden seit 1993 an zwei verschiedenen Fundstellen archäologische Ausgrabungen statt, die als deutsch-türkisches Gemeinschaftsprojekt unter der Leitung von Prof. M. Özdoğan und Prof. H. Parzinger organisiert sind. 1993 begannen auch die Forschungen in der neolithischen Tellsiedlung Aşağı Pınar. Daneben wurden von 1994 bis 1998 und 2004 Ausgrabungen in der etwa 400 m westlich von Aşağı Pınar gelegenen Kanlıgeçit durchgeführt. 1 In einer Entfernung von etwa 1 km vom heutigen Stadtzentrum Kırklarelis liegt Kanlıgeçit, dessen Siedlungsareale als Akropolis und Unterstadt bezeichnet werden. Die Siedlung erstreckt sich auf den nördlichen und südlichen Terrassen des Baches Haydardere und wirkt wie eine kleine bronzezeitliche Stadt. Die bisher durchgeführten Grabungen brachten eine Akropolis im Nor- den des Haydardere und eine sie umgebende Unterstadt hervor. Die Oberfläche der Siedlung Kanlıgeçit ist durch langjähriges Pflügen mit landwirtschaftlichen Maschi- nen zerstört worden, wobei die seichte Erhebung der Akropolis abgetragen wurde. Unter diesen Umstän- den ist mit dem Verlust der obersten Kulturablagerungen zu rechnen. Indessen machen Funde deutlich, daß hier im 5. Jh. v. Chr. eine kleine landwirtschaftliche Anlage existierte. Die Grabungen im Bereich der Akropolis bewiesen, daß es sich hier um einen Siedlungshügel handelt, der mit hoher Wahrscheinlichkeit seit dem Beginn des 3. Jt. v. Chr. ununterbrochen bewohnt wurde. 2 Im Oberflächenbereich wurden viele Gruben festgestellt, die in die tiefer liegenden Schichten eingreifen. Mit Hilfe der Grubeninhalte ließ sich eine Übergangsphase zwischen der frühen und der mittleren Bronzezeit rekonstruieren. Die darunter liegende Bauschicht wird von Gebäuden im Megaronschema bestimmt, wodurch sie anato- lischen Siedlungen gleicher Zeitstellung ähnelt. In dieser Phase gibt es zwei separate Siedlungsareale: die Burg und die Unterstadt. Die künstlich erhöhte Burg ist von einer Mauer umgeben; in ihrem Inneren lie- gen drei Gebäude, die den charakteristischen „Megaron“-Grundrißtyp zeigen. Der Hang der Akropolis, auf dem sich die Mauer erhebt, ist mit kleinen Steinen im typischen Stil eines „Glacis“ verkleidet – eben- falls ein häufiges Kennzeichen zeitgleicher anatolischer Festungen. Aufgrund dieser speziellen Merkmale ist Kanlıgeçit die derzeit früheste städtische Siedlung in Europa – außerhalb der ägäischen Welt. 3 Die Ke- ramik der Megaronschicht wird ans Ende der anatolischen Frühbrozezeit III datiert. 4 Unter der Megaronschicht wurde neben bulgarischer Ezerokeramik auch rot engobierte Keramik gefun- den, deren Herkunft im Inneren Westanatoliens zu suchen ist und die an das Ende der anatolischen Früh- bronzezeit II/den Anfang der Frühbronzezeit III datiert. Diese Funde bilden in Kanlıgeçit die ersten ana- tolischen Elemente. Die Schicht ist stark verbrannt und erst in einem kleinen Bereich freigelegt. Sie liegt direkt auf einem Bauhorizont, der durch Flechtwerkarchitektur und Ezerokeramik charakterisiert ist. Außerdem fand man in Sondagen nahe der Akropolis chalkolithische Keramik, während in einer weite- ren Sondage innerhalb der Akropolis auch neolitisches Material angetroffen wurde, alles Hinweise auf ei- nen früheren Besiedlungsbeginn, als er durch die bisherigen Flächengrabungen nachgewiesen werden konnte. 1 Parzinger u. a. 1999, 325 ff. 2 Kalibrierte 14 C-Daten bei Benecke 2002, 42. 3 Özdoğan 2003, 82 ff. 4 Özdoğan 1998, 76. Karul N. 2005. “Anatolische Idole in Ostthrakien: Kırklareli-Kanlıgeçit” B. Terzan, R. Jung, E. Kaiser, B. Horejs (Eds.), Interpretationsraum Bronzezeit, Festschrift für Bernhard Hänsel. Universtätsforschungen zur prähistorischen Archäologie Band 121, Boon, 117-121.