189 VOLKER R. REMMERT / UTE SCHNEIDER Wissenschaftliches Publizieren in der ökonomischen Krise der Weimarer Republik – Das Fallbeispiel Mathematik in den Verlagen B. G. Teubner, Julius Springer und Walter de Gruyter »Es gehört zu den Grundsätzen meiner Firma, keine Subventionen anzunehmen. Ich kann mit einem ge- wissen Stolz feststellen, dass ich als einziger deut- scher wissenschaftlicher Verleger niemals Gelder von der Notgemeinschaft in Empfang genommen habe« 1 , schrieb Ferdinand Springer (1881–1965) auf die Weimarer Republik rückblickend im Jahr 1949. Die- se selbstbewusste Feststellung eines wissenschaftli- chen Verlegers bedarf noch der Verifizierung, aber sie ist Ausdruck eines typisch deutschen verlegeri- schen Selbstbildes, dessen Rollenideal auf der selbst- losen, nicht profitorientierten Dienstleistungsfunktion im wissenschaftlichen Kommunikationsprozess be- ruhte. Tatsächlich leistet ein Verlag kaum zu über- schätzende Unterstützung bei der Verbreitung wis- senschaftlicher Erkenntnisse, indem er Publikations- formen zur Verfügung stellt, die sich zwar an den kognitiven und an den sozialen Strukturen der Wis- senschaft orientieren und auf den wissenschaftlichen Bedarf reagieren, 2 aber die verlegerische Funktion beschränkt sich in der Regel nicht auf die reine Reak- tion, sondern der Verleger wird, wenn er erfolgreich sein will, selbst Buch- und Zeitschriftenprojekte anregen. Über die Marktbeobachtung hinaus wird er um persönliche Kontakte zu renommierten Wissen- schaftlern bemüht sein, denn die Reputation seiner Autoren wirkt auf die Reputation des Verlags zurück, was wiederum dazu führen kann, dass er weitere angesehene Autoren an sich binden kann. Die Rekonstruktion des vielschichtigen Verhält- nisses von Verlag und Disziplin soll hier am Fallbei- spiel der Mathematik und des Buchmarktsegmentes ›Mathematik‹ in Deutschland während der Weimarer Republik nachvollzogen werden. 3 Die enge Verknüp- ——————— 1 Zitiert nach Heinz Sarkowski: Der Springer Verlag. Statio- nen seiner Geschichte. Teil 1: 1842–1945. Berlin, Heidelberg: Sprin- ger 1992, S. 396. 2 Vgl. zur Wechselwirkung zwischen wissenschaftlichem Buchhandel und Wissenschaft aus systemtheoretischer Perspektive Georg Jäger: Wissenschaft und Buchhandel. Zur Ausdifferenzie- rung des wissenschaftlichen Buchhandels. Siegen 1990 (LUMIS- Schriften. 26). 3 Die Ausführungen stehen im Zusammenhang mit dem DFG-Projekt »Eine Disziplin und ihre Verleger. Formen, Funktio- nen und Initiatoren mathematischen Publizierens 1871–1949«, das zurzeit am Institut für Mathematik und am Institut für Buchwissen- fung von wissenschaftlicher Kommunikationsstruktur und Buchhandel war schon in der entscheidenden Formierungsphase des großbetrieblichen Bildungs- und Wissenschaftssystems ganz besonders deutlich geworden (1890 bis etwa 1914), als sich ein Teilbe- reich des Buchhandels in seiner Struktur mehr und mehr an der Wissenschaft ausrichtete. 4 Von wissen- schaftshistorischer Seite hat sich in den vergangenen Jahren ein verstärktes Interesse an der Analyse der Bedeutung spezifischer Publikationsformen entwi- ckelt. 5 Eine zeitlich und geographisch klar umgrenzte Studie zu einer Einzeldisziplin liegt jedoch bislang nicht vor. Insbesondere gibt es nur vereinzelte Stu- dien, die sich ausdrücklich mit der Geschichte spezi- fischer mathematischer Publikationsformen bzw. des mathematischen Publikationswesens in Deutschland zwischen 1871 und 1949 befassen. Gleichwohl wird, ebenso wie für die Geschichte anderer Disziplinen, die zentrale Rolle des wissenschaftlichen Publikati- onswesens im Prozess der Disziplinenbildung, -diffe- renzierung und -spezialisierung durchgängig betont. Wir beschränken uns auf die Periode der Weimarer Republik, weil sich hier nicht allein wissenschaftli- schaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter der Leitung von Volker R. Remmert und Ute Schneider durchgeführt wird. Wir danken Maria Remenyi, Heidelberg, für ihre Unterstützung. 4 Vgl. Helen Müller: Wissenschaft und Markt um 1900. Das Verlagsunternehmen Walter de Gruyters im literarischen Feld der Jahrhundertwende. Tübingen: Niemeyer 2004, S. 7. 5 Dazu z. B. Elana Ausejo/Mariano Hormigón (Hrsg.): Mes- sengers of Mathematics: European Mathematical Journals (1800– 1946). Madrid: Siclo Veintiuno 1993; Christoph Meinel (Hrsg.): Fachschrifttum, Bibliothek und Naturwissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Wiesbaden: Harrassowitz 1997; Reinhard Siegmund- Schultze: Mathematische Berichterstattung in Hitlerdeutschland. Der Niedergang des »Jahrbuchs über die Fortschritte der Mathema- tik«. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1993; Reinhard Sieg- mund-Schultze: The Emancipation of Mathematical Research Publishing in the United States from German Dominance. In: Historia Mathematica 24 (1997), S. 135–166; Jonathan R. Topham: Scientific Publishing and the Reading of Science in Nineteenth- Century Britain: A Historiographical Survey and Guide to Sources. In: Studies in History and Philosophy of Science 31 (2000), S. 559– 612; Roland Wagner-Döbler/Jan Berg: Nineteenth-Century Mathe- matics in the Mirror of Its Literature: A Quantitative Approach. In: Historia Mathematica 23 (1996), S. 288–318. Angemeldet | uschneid@uni-mainz.de Heruntergeladen am | 01.11.16 09:50