MATERIALIEN REFORMATI0N IN HAMBURG 28 AUFGABEN | SEK. II | VORERSCHLIESSUNG Gruppenarbeit + Plenum 1 | Klären Sie innerhalb der Gruppe folgende Fragen und halten Sie Ihre Ergebnisse auf einem Plakat fest: a | Was verstehen Sie unter »Freiheit«? b | Was macht für Sie eine »gute Tat« aus? c | Wie sollte man sich Ihrer Meinung nach gegenüber seinen Mitmenschen grundsätzlich verhalten? d | Klären Sie mit Hilfe eines Wörterbuchs die Begriffe »fromm« und »Frömmigkeit« und erläutern Sie diese Begriffe anhand von Beispielen. 2 | Präsentieren Sie Ihre Plakate in einem Galerie-Gang. LUTHERS MENSCHENBILD – EINE ETHISCH-PHILOSOPHISCHE ANALYSE M1 ZU MARTIN LUTHERS SCHRIFT »VON DER FREIHEIT EINES CHRISTENMENSCHEN« (1520) Nachdem Luther bereits der päpstliche Bann angedroht worden war, versuchte der päpstliche Gesandte Karl von Miltitz, Luther zum Ausgleich mit dem Papst zu bewegen. Dazu bat er ihn, dem Papst seine Positionen in einer Schrift darzulegen und deutlich zu machen, dass es ihm nicht um einen Angriff auf den Papst selbst ginge. Die Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« ist die deutsche Übersetzung der an den Papst gerichteten latei- nischen Schrift »De libertate Christiana« und wurde unab- hängig von dem Sendbrief an den Papst öffentlicht ver- breitet. Luther bezieht sich in seiner Argumentation auf den Apostel Paulus, der in seinen Briefen die Meinung vertrat, dass ein Christ frei sein müsse. Q1 »VON DER FREIHEIT EINES CHRISTENMENSCHEN« (AUSZUG) Zum ersten: Damit wir gründlich erkennen, was ein Christen- mensch sei und wie es um die Freiheit beschaffen sei, die ihm Christus erworben und gegeben hat, davon Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Leitsätze aufstellen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. […] Zum zweiten: Um diese zwei sich widersprechenden Aussa- gen von der Freiheit und von der Dienstbarkeit zu verstehen, sollen wir daran denken, dass ein jeglicher Christenmensch von zweierlei Natur ist: geistlicher und leiblicher. Nach der Seele wird er ein geistlicher, neuer, innerlicher Mensch ge- nannt, nach dem Fleisch und Blut wird er ein leiblicher, alter und äußerlicher Mensch genannt. Und um dieses Unterschieds willen werden von ihm in der Schrift Dinge gesagt, die sich völlig widersprechen, so wie das, was ich jetzt von der Freiheit und Dienstbarkeit geredet habe. […] Zum dritten: Wenn wir uns den inwendigen, geistlichen Men- schen vornehmen, um zu sehen, was dazu gehört, dass er ein frommer, freier Christenmensch sei und heiße, so ist es offen- bar, dass ihn keine äußerliche Sache frei oder fromm machen kann, wie es auch immer genannt werden mag. Denn seine Frömmigkeit und Freiheit und umgekehrt seine Bosheit und seine Gefangenschaft sind nicht leiblich oder äußerlich. Was hilft es der Seele, dass der Leib nicht gefangen, frisch und gesund ist, isst, trinkt, lebt, wie er will? Umgekehrt: Was schadet es der Seele, dass der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er es nicht gerne möchte? Keins von diesen Dingen reicht bis an die Seele, um sie zu befreien oder zu fangen, fromm oder böse zu machen. […] Zum neunzehnten: Über den innerlichen Menschen mag das nun genug gesagt sein, über seine Freiheit und die Haupt- gerechtigkeit, welche keines Gesetzes oder guten Werkes bedarf; ja, es ist ihr sogar schädlich, wenn jemand so ver- messen sein wollte, dadurch gerechtfertigt zu werden. Nun kommen wir zum zweiten Teil, zu dem äußerlichen Men- schen. Hier wollen wir all denen antworten, die sich über das bisher Gesagte ärgern und zu sagen pflegen: »Ei, wenn der Glaube alles ist und allein schon als genügend gilt, um fromm zu machen, warum sind denn die guten Werke gebo- ten? So wollen wir guter Dinge sein und nichts tun!« Nein, lieber Mensch, nicht so! Es wäre wohl so, wenn du bloß ein innerlicher Mensch wärest und ganz geistlich und innerlich geworden wärest, was aber nicht vor dem Jüngsten Tag ge- schieht. Es ist und bleibt auf der Erde nur ein Anfangen und Zunehmen, das in jener Welt zu Ende gebracht wird. […] Darum gehört hierher, was oben gesagt wurde: Ein Christen- mensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan, d. h. sofern er frei ist, braucht er nichts zu tun; sofern er Knecht ist, muss er allerlei tun. Wie das zugeht, wollen wir sehen. […] Zum zwanzigsten: Obwohl der Mensch innerlich der Seele nach durch den Glauben genügend gerechtfertigt ist und 1 5 10 1 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Franziska Frisch, Dr. Magnus Frisch