1 Wilhelm Filla / Christian H. Stifter Stand und Perspektiven der Erwachsenenbildungs- historiografie in Österreich 1 1. Ausgangsüberlegungen Trotz des traditionell schwach ausgeprägten Interesses der Erwachsenenbildung an der Ausei- nandersetzung mit ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte – dies gilt für die EB-Praxis ebenso wie für die akademische Disziplin – vermochte sich historische Erwachsenenbildungsfor- schung im Laufe der letzten Jahrzehnte zumindest ansatzweise als Subdisziplin der Erwach- senenbildungswissenschaft zu etablieren. (Filla 2011). Der Bereich der international verglei- chenden Erwachsenenbildungshistoriografie ist allerdings ein „Stiefkind“ der Forschung, als Gegenstand- oder Untersuchungsbereich fachhistorischer Auseinandersetzung führt Erwach- senenbildungsgeschichte nach wie vor ein Schattendasein. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, die Entwicklung der österreichischen Erwachsenenbildungshistoriografie von ihren Anfängen vor dem Ersten Weltkrieg über die Latenzphase der Ersten Republik, den sporadischen Anläufen nach Ende des Zweiten Welt- kriegs bis hin zur zunehmenden Fundierung und Ausdifferenzierung der EB-Geschichts- schreibung ab den 1980er-Jahren skizzenhaft nachzuzeichnen. Ein Blick auf infrastrukturelle Ausbauschritte sowie auf gegenwärtige wie zukünftige methodische Herausforderungen, unter Einbeziehung der internationalen Perspektive, runden diesen Beitrag ab. Unter dem heuristisch weit gefassten Begriff Erwachsenenbildungshistoriografie werden nachfolgend Publikationen subsumiert, die sich explizit mit Fragen der Geschichte der Er- wachsenenbildung beziehungsweise mit der Rolle und Bedeutung historischer Persönlichkei- ten beschäftigen, und zwar unabhängig davon, ob sich diese Schriften selbst als historiografi- sche Beiträge verstehen. Als Auswahlkriterium für die Zuordnung gilt lediglich, dass die hier interessierenden Texte Entwicklungen über längere, mindestens ein Jahrzehnt umfassende Zeiträume beschreiben und analysieren. Das „ungeklärte Verhältnis“ (Stifter 2010: 38) der Erwachsenenbildung zum weitgehend voluntaristischen Storytelling ihrer Geschichte wie insbesondere zur historischen Fachwissen- schaft als universitärer Leitdisziplin, ist freilich keineswegs schon in den ersten Anfängen ei- ner Erwachsenenbildungshistoriografie grundgelegt. Vielmehr ist dieses als Ergebnis komple- xer Marginalisierungsprozesse sowie zunehmend utilitaristischer Engführungen in Praxis und Theorie der Erwachsenenbildung in den Dekaden nach 1945 anzusehen. Bis heute ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Erwachsenenbildungshistoriografie – und dies keineswegs nur in Österreich – quantitativ und qualitativ unterentwickelt; dies, obwohl durch die Ausdifferenzierung der historischen Fachwissenschaft sowie durch die Etablierung einer 1 Der Umriss des vorliegenden Textes entstand zu weiten Teilen noch zu Lebzeiten von Wilhelm Filla und wurde nach dessen plötzlichem Tod 2016 von Christian H. Stifter als Ko-Autor finalisiert und fertig redigiert.