1 Dasein, Raum und Leib – Eine Kritik der Existenzialanalyse von Sein und Zeit Paul-Gabriel Sandu I. Einleitende Bemerkungen Das Ziel dieser Untersuchung ist es, die Zusammenhangsproblematik der Räumlichkeit und Leiblichkeit des Daseins, so wie sie in Sein und Zeit erörtert ist, in Frage zu stellen, und einen neuen Weg versuchsweise einzuschlagen, um die Frage nach der Leiblichkeit des Daseins zu beantworten. Dieses Unternehmen kann, unter anderen, durch die sehr scharfe Selbstkritik – die Heidegger in den späteren Werken 1 geübt hat – gerechtfertigt werden. Es kann auch dadurch begründet werden, dass Heidegger sich mit der Raumproblematik und, vor allem, mit der Frage nach der Leiblichkeit des Daseins nur sehr skizzenhaft beschäftigt hat. Der Leib wird nicht ein einziges Mal richtig in Frage gestellt, weder in der phänomenologischen Dekade noch später, und die Abwesenheit dieses Problems wird als selbstverständlich betrachtet und nicht einmal thematisiert; es sei denn in der Randbemerkung, dass „die Verräumlichung des Daseins in seiner »Leiblichkeit«, die eine eigene hier nicht zu behandelnde Problematik in sich birgt, mit nach diesen Richtungen ausgezeichnet [ist]“ 2 als eine ausreichende Erklärung dieser Abwesenheit gelten kann. Obwohl das Raumthema viel großzügiger behandelt wird, bleiben viele Dinge unklar, und, wie H. Dreyfus schreibt, „the discussion of spatiality is one of the most difficult in Being and Time, not because it is deeper than any other discussion but because it is fundamentally confused“ 3 . Die Uneindeutigkeit, die Dreyfus hier im Sinn hat, bezieht sich in erster Linie auf die Zweideutigkeit des Begriffes von „Nähe“ – als physische und als existenziale Nähe 1 Cf. Martin Heidegger, Feldweggespräch (GA 77), Vittorio Klostermann, 1995: „Sie sprachen von einer Gegend in der Alles zu sich zurückkehrt. Eine Gegend für alles ist streng genommen nicht eine Gegend unter anderen, sondern die Gegend aller Gegenden“. Hier wird Heidegger in extensu den Begriff der Gegend wesentlich anders als „[…] dieses im besorgenden Umgang umsichtig vorweg im Blick gehaltene Wohin des möglichen zeughaften Hingehörens“ ausbuchstabieren (Cf. M. Heidegger, Sein und Zeit, 2006, S. 103). 2 Martin Heidegger, Sein und Zeit, Max Niemeyer, 2006, S. 108. 3 Hubert Dreyfus, Being-in-the-world – A Commentary on Heidegger’s Being and Time, Cambridge, 1991, S. 128.