Verhandeln statt Argumentieren oder Verhandeln durch Argumentieren?
Eine empirische Analyse auf der Basis der Sprechakttheorie*
Katharina Holzinger
„Verhandeln und Argumentieren“ werden seit einiger Zeit in der politikwissenschaftlichen Dis-
kussion als oppositionelle Konzepte konstruiert und mit den ebenso dichotom aufgebauten Be-
griffspaaren „strategisches Handeln und verständigungsorientiertes Handeln“ und „Spieltheorie
und Diskursethik“ gleichgesetzt. Im vorliegenden Beitrag wird diese Dichotomisierung zurückge-
wiesen und ein Neuansatz einer theoretischen Konzeptualisierung von Verhandeln und Argu-
mentieren präsentiert. Auf der Basis der Sprechakttheorie wird sodann eine Methode für die em-
pirische Analyse von Verhandlungs- und Argumentationsprozessen entwickelt und am Beispiel
der Lösung eines Interessenkonflikts durch ein Mediationsverfahren demonstriert. Es zeigt sich
erstens, dass Argumentieren und Verhandeln in empirischen Situationen kommunikativer Kon-
fliktlösung so gut wie nie allein auftauchen. Zweitens verhält sich bei Interessenkonflikten Argu-
mentieren instrumentell, nicht oppositionell, zum Verhandeln. Drittens zeigt sich im Fallbeispiel
eine sequenzielle Makrostruktur: Die Auflösung von Tatsachen- und Wertdissensen durch Argu-
mentieren stand zeitlich vor der Auflösung des Interessenkonflikts durch Verhandeln.
1. Einleitung
In den letzten Jahren ist in der deutschen Politikwissenschaft eine Debatte geführt
worden, die sich um zwei dichotom aufgebaute Gegensatzpaare dreht. Unter der Über-
schrift „verständigungsorientiertes Argumentieren versus strategisches Verhandeln“ werden
einerseits Diskursethik und Spieltheorie als alternative sozialwissenschaftliche Erklä-
rungsansätze, andererseits Verhandeln und Argumentieren als oppositionelle Kommu-
nikationsmodi dargestellt. Beide Gegensatzpaare sind fragwürdig. Diskursethik und
Spieltheorie verfolgen so unterschiedliche Ziele, dass sie nicht als alternative Analyse-
instrumente einsetzbar sind. Verhandeln und Argumentieren mögen zwar unterschied-
liche Kommunikationsmodi sein, sie sind aber weder analytische Gegensätze noch als
Kommunikationssituationen empirisch disjunkte Klassen. Auch die Behauptung Elsters
(1992), dass Argumentieren und Verhandeln in verschiedenen Kontexten, Markt und
Forum, vorkämen und angemessen seien, lässt sich empirisch nicht halten. Schließlich
gab es in anderen Theoriesträngen, die die beiden Kommunikationsmodi nicht theore-
* Ich widme diesen Aufsatz meiner Kollegin im Mediationsprojekt, Birgit Lackmann, über deren
frühen Tod ich sehr traurig bin.
Für die Mitarbeit an der Transkription und Sprechaktanalyse möchte ich mich bei Christa
Hartwig, Beate König und Alexander Saywer bedanken. Für Kommentare und Hinweise zu
früheren Fassungen danke ich zwei anonymen Gutachtern, Arthur Benz, Tanja Börzel, Wolf-
gang van den Daele, Hans-Joachim Fietkau und Thomas Risse. Ein ganz besonderer Dank gilt
Christoph Knill, dessen Kritik die Präsentation des Aufsatzes entscheidend verbessert hat.
Politische Vierteljahresschrift, 42. Jg. (2001), Heft 3, S. 414–446 © Westdeutscher Verlag