Als Mach 15 Jahre alt war, startete sein Vater einen erneuten Gymnasialversuch, diesmal bei den ihm wohl- bekannten Piaristen, und zwar in Kremsier (Kroměříž) in seiner mährischen Heimat. Dort legte Ernst 1855 als 17-Jähriger die Maturitätsprüfung ab. Noch im gleichen Jahr schrieb er sich an der Universität Wien als Student der Mathematik und Physik ein. Er selbst notierte im Rückblick: Meine Abneigung gegen Sprachstudien, namentlich Gramma- tik hatte zur Folge, dass ich trotz beträchtlicher Fertigkeit im Lesen der alten Autoren immer nur die Rolle eines mittelmäßi- gen Schülers spielte. In mathematischen und naturwissen- schaftlichen Fragen war ich, obgleich ich nie einen eigentlichen Unterricht genossen hatte, meinen Mitschülern in fast unglaublicher Weise überlegen. In philosophischen Dingen hin- gegen, in Beurteilung sozialer Verhältnisse etc. erschien ich äußerst unreif und kindisch. Abgesehen von meinen geringen Anlagen in dieser Richtung, erklärt sich dies einigermaßen durch den Umstand, dass ich erst mit dem 15. Lebensjahr mit der Gesellschaft, insbesondere mit Altersgenossen und Mit- schülern in Verkehr trat. Im Ganzen kann ich sagen, dass bei meinem Eintritt in die Öffentliche Schule meine Lebensrich- tung schon vollkommen ausgesprochen [sic] war. Ich empfand die Schule als einen Zwang und als ein Hindernis, während ich umgekehrt meinen Lehrern als ein undankbares Objekt ihrer Mühe erscheinen musste. 8 Ernst Machs Schulbildung und die seiner Schwestern erfolgte im Wesentlichen im Rahmen der Familie. Sie umfasste auch Musik- und Instrumentenunterricht und das abendliche Vorlesen literarischer Klassiker. Eine sol- che Privatisierung der Lehre würde heute Erziehungs- berater, Schulpsychologen und womöglich das Jugend- amt auf den Plan rufen. All diese Institutionen waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts unbekannt, und den- noch – vielleicht auch deswegen – ist aus Mach ein gro- ßer Gelehrter geworden. Zwar fehlten dem Kind »Schul- schlauheit und Schulgewandtheit« 9 , doch es besaß dafür anderes, das ihn zum Wissenschaftler-Genie machen sollte: familiäre Anregung, eine schier unstillbare Neu- gier, die Welt zu verstehen, sowie eine ungeheuer scharfe Beobachtungsgabe, die selbstreflexiv auch den eigenen Beobachtungsprozess umfasste. Hier spielten Licht und Schatten schon früh eine wichtige Rolle: Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, dass mir in einem Alter von etwa drei Jahren alle perspektivischen Zeichnungen als Zerrbilder der Gegenstände erschienen. Ich konnte nicht begrei- fen, warum der Maler den Tisch an der einen Seite so breit, an der anderen so schmal dargestellt hat. Der wirkliche Tisch erschien mir ja am ferneren Ende ebenso breit als am näheren, weil mein Auge ohne mein Zutun rechnete. Dass aber das Bild des Tisches auf der Fläche nicht als bemalte Fläche zu sehen sei, sondern nur einen Tisch bedeute und ebenso in die Geburtshaus von Ernst Mach in Chirlitz (Chrlice). DMA, NL Mach, Konstanzer Abgabe, Nr. 50/1; DMA, CD 73680 17 Licht und Schatten liegen über jedem Leben und jeder Familiengeschichte. Bei den Machs war es nicht anders. Bei näherer Betrachtung ihrer vielfältig miteinander ver- wobenen Schicksale scheinen jedoch – wenigstens auf der persönlichen Ebene – in der Familie Ernst Machs die Schatten zu dominieren. Frühe Jahre Ernst Mach wurde am 18. Februar 1838 im heutigen Tschechien geboren, und zwar in Chirlitz (Chrlice) im damals mährischen Teil des Kaisertums Österreich. Chirlitz ist heute ein Ortsteil von Brünn (Brno). 1 Er hatte zwei jüngere Schwestern: Octavia (1839–1901) und Marie (1844–1929). Octavia war nach dem weni- gen, was wir wissen, aufgrund einer Fehlheirat die unglücklichere. Marie schlug sich als Gouvernante im balkanischen Teil des Kaisertums unter schwierigsten Umständen durch. Ohne je eine Schule von innen gese- hen zu haben, arbeitete sie – auf der Basis eines Unter- richts durch den Vater – auch als Französischlehrerin. Später war sie von der Unterstützung ihres Bruders abhängig. 2 Die Eltern gehörten der deutschsprachigen Minder- heit in Mähren an. Mutter Josephine Lanhaus ent- stammte einer Familie von Beamten, Ärzten und Offi- zieren. Vater Johann Nepomuk – ein gebildeter und wissbegieriger Mann – trat nach zweijährigem Studium an den philosophischen Fakultäten von Prag und Wien bei den Piaristen ein, einem Orden der katholischen Kirche, der sich vorwiegend dem Unterricht widmete. Nach einigen Jahren eigener Lehrtätigkeit verließ Johann Nepomuk den Orden wieder, wurde Hauslehrer und heiratete 1836. Im Jahre 1840 erwarb er einen Bau- ernhof in Untersiebenbrunn (Niederösterreich), in der Nähe von Wien. Die Erträge aus der Landwirtschaft reichten jedoch nicht und er musste weiter als Haus- lehrer Geld verdienen. Überhaupt spielte das Geld bzw. sein Mangel einen cantus firmus in der Familienge- schichte. 3 Ernst Mach war zum Zeitpunkt der Umsiedlung nach Untersiebenbrunn zwei Jahre alt. Bis zu seinem neunten Lebensjahr wurde er auf dem isoliert gelegenen Bauern- gut von seinem Vater unterrichtet. In einem Lebenslauf, den Mach 1880 anlässlich seiner Aufnahme als »wirk- liches Mitglied« in die »K. K. Akademie der Wissen- schaften« zu Wien verfasste, erinnert er sich: Den Gymnasialunterricht erhielt ich privatim durch meinen Vater. Derselbe unterrichtete mich hauptsächlich in den alten Sprachen, vor welchen ich eine entschiedene Abneigung hatte. Für Mathematik und Naturwissenschaften hatte ich hingegen schon von meinem siebenten Jahre an eine solche Liebe, dass es fast keines Unterrichts bedurfte und ich mir selbst überlassen werden konnte. 4 1847 wechselte der neunjährige Ernst »auf Veran- lassung der Gräfin Stadion, in deren Hause mein Vater Erzieher war« 5 auf das Benediktinergymnasium Seiten- stetten, westlich von Wien, wo er die unterste Gymnasialklasse besuchte. Die geistlichen Herren fanden den Knaben sehr unbegabt, ließen ihn zwar passieren, rieten aber dem Vater, ihn lieber ein Handwerk oder Gewerbe erlernen zu lassen. Die Herren hatten auch Recht. […] Der tief gekränkte Vater behielt nun den Knaben zu Hause, um ihn wieder selbst in den Gymnasialgegenständen zu unterrichten. […] Da die Vormittagsstunden für den Unterricht genügten, konnte der Zögling am Nachmittag ver- schiedene Feldarbeiten ausführen, durch welche Erfahrung er die gebührende Achtung vor dem Handarbeiter gewann. 6 Die benediktinische Berufsberatung »Handwerk oder Gewerbe« erhielt durch die politischen Zeitläufte eine starke Unterstützung: Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Jugend von E. Mach nach Niederwerfung der Revolution von 1848 in eine sehr reaktionär-klerikale Periode fällt. Deshalb bat der in einer liberalen Familie aufgewachsene Knabe den Vater, ihn das Schreinerhandwerk lernen zu lassen, um eventuell nach Ame- rika auswandern zu können. Dieser Wunsch wurde auch erfüllt. Durch mehr als 2 Jahre wurden jede Woche 2 Tage dieser Beschäftigung unter der Leitung eines geschickten Meis- ters in einem Nachbarorte gewidmet. Diese Zeit blieb dem jungen Menschen in angenehmer Erinnerung und manche Erfahrung in der Holzverarbeitung wurde ihm in seinem späteren Beruf nützlich. 7 16 Gereon Wolters Ernst Mach und seine Familie Eine schwierige Konstellation von Beziehungen