Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 62, 2014 Seite 107–128 Schwerin 2016 Jörg Ansorge und Sigmund Oehrl Ein völkerwanderungszeitlicher vogelförmiger Bernsteinanhänger mit Runeninschrift vom Ostseestrand der Rostocker Heide, Hansestadt Rostock Einleitung „Um das Jahr 512 zog eine Schar von Herulern, die von den Langobarden in Pannonien geschlagen worden waren, in ihre alte Heimat, die dänischen Inseln. Sie kamen durch weites Ödland, ehe sie die Küste der Ostsee erreichten.“ 1 Bis in die jüngere Vergangenheit ging die Forschung davon aus, dass es nach einer anhaltenden Siedlungskontinuität in der römischen Kaiserzeit gegen Ende dieser Periode zu einer Abwanderung germanischer Stämme nach Süden kam, in deren Folge das westliche Ostseegebiet weitgehend entvölkert gewesen sein soll, bevor das verlassene Gebiet in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts von slawischen Völkern aus dem Weichselraum in Besitz genommen wurde. Neue Ausgrabungen und Einzelfunde der letzten Jahre modifizieren das Bild für diesen Zeitraum, ohne dass eine Neubewertung schon möglich wäre. 2 Erinnert sei hier an einen als germanischen Adelssitz gedeuteten Fundplatz bei Kölln, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, der durch fränkisch-thüringische Importe hervorsticht 3 sowie drei auf der Trasse der NEL (Nordeuropäische Erdgasleitung) entdeckte Sied- lungsplätze. 4 Der hier vorzustellende vogelförmige Bernsteinanhänger mit Runeninschrift – gefunden am Ostseestrand der Rostocker Heide – liefert weitere Informationen zur Besiedelung des nördlichen Mecklenburgs in dieser Zeit. Gleichzeitig wird damit die zweite frühgeschichtliche Runeninschrift aus Mecklenburg bekannt gemacht. 5 107 1 SCHULDT 1954, 91–92. 2 Siehe auch SCHMIDT 2001. 3 Kölln, Fundplatz 8; BRANDT 2005, 142–143. 4 PETRICK 2014a; PETRICK 2014b; GALL/WEISS 2014. 5 Die erste Runeninschrift Mecklenburgs, die auf einem Kammfragment aus Groß Strömkendorf entdeckt wurde (gehalten im jüngeren futhark) haben ZIMMERMANN/ JÖNS (2013) publiziert. Ein Buntmetallblech mit eingeritzten Runen ist aus Kirchdorf, Lkr. Nordwestmecklenburg, überliefert (ALM 2014/1182,1; freundliche Mitteilung Dr. Detlef Jantzen, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpom- mern, Landesarchäologie = LAKD M-V/ LA). Alle weiteren aus Mecklenburg be- kannt gewordenen Runeninschriften sind als Fälschungen jüngerer Zeit eingestuft. Dazu zählen die schon im 19. Jahrhundert entsprechend enttarnten Prillwitzer Idole (SZCZESIAK 2006) und die auf dem Findling von Bäbelitz 1905 im Auftrag des Heimat- bundes Gnoien von einem Steinmetz ein- gemeißelten Runen (BECKER 1933). – All- gemein zur Problematik: KAUTE/ANSORGE 2003; zu Runeninschriften in Pommern: EGGERS 1968.