354 l Neue Politische Literatur, Jg. 61 (2016) der Komplexität des Themas von Normenpro- duktion, Normenbefolgung, Befolgungserzwin- gung, Normenkollision und Normendestruktion gerecht(er) werden soll. Das Ziel all dessen ist die Plausibilisierung eines Normativitätsverständnisses, in dem Widerspruch, Abänderung und sogar Schei- tern einer Norm nicht notwendig als Versagen der Wirklichkeit gegenüber einem ihr immerzu überlegenen Ideal evaluiert werden müssen. So zielt Möllers auf eine Idee normativer Pra- xis als einem sozialen und mithin selbst ethisch flexiblen Zusammenhang, auf eine nüchterne Normativitätsidee, die sich nicht gemein macht mit der imperativen Hoffnung auf Wirksamkeit konkreter Inhalte und sich nicht verfängt in der Illusion zivilisatorischer Universalität und objekti- ver Neutralität. Offenkundig befremdet reagiert Möllers’ Opus damit auf Konvolute der praktischen Nor- men- und Gerechtigkeitsphilosophie, für die zu- letzt keine Kosten gescheut wurden, um beinahe jeder sozialen Praxis jede nur denkbare gerechtig- keitstheoretische Unzulänglichkeit en détail nach- zuweisen. So unterstellt Möllers’ Perspektive nicht nur eine Selbstreferentialität dieser politik- philosophischen Normativitätsforschung. Zugleich attestiert wird ihr ein methodischer Zirkelschluss: Ein moralphilosophisch intendiertes Normenver- ständnis, das Normativität als vernunftorientier- te Rechtfertigungspraxis begreife, ignoriere die Vielfalt sozialer Normen, diskriminiere nämlich die Mehrheit all jener Konventionen und zwingenden Regeln, die ohne moralische Geltungsgründe un- seren Alltag bestimmen. Dabei weist Möllers den anthropologischen Zeitgeist der politikphilosophi- schen Normenforschung zwar nicht unbedingt zurück, wo dieser die Menschheit als Rechtfer- tigungsgattung konstruiert. Wohl aber bezweifelt Möllers die sozialwissenschaftliche Leistungsfä- higkeit und strategische Nützlichkeit einer politi- schen Rechtfertigungsphilosophie. Ohne die institutionalisierte Deutungsmacht der jüngeren Kritischen Theorie einschließlich des globalen akademischen Siegeszugs diskurs- ethischer Kommunikationsmodelle jedenfalls ist dieser für Außenstehende womöglich überzogen wirkende anti-normativistische Gestus folglich kaum zu verstehen. Wenn der präzise Titel fragt, welche realistischen „Möglichkeiten“ Normen „jenseits von Kausalität und Moralität“ haben, will Möllers also eine der außerakademischen Zugänglichkeit entfremdete Normativitätshege- monie im Alleingang anfechten – und vor diesem Hintergrund beeindruckt die thematisch riesige kritische Distanz zu dem Werk eines Gelehrten zu bewahren, der die Arbeit mit-begutachtet. Saint Cyr sur Mer Michael Hereth Wider die Normativitätsnormierung! Möllers, Christoph: Die Möglichkeit der Nor- men. Über eine Praxis jenseits von Moralität und Kausalität, 461 S., Suhrkamp, Berlin 2015. Christoph Möllers’ seit Erscheinen vieldiskutier- te Theorie über die „Möglichkeit der Normen“ und Engstirnigkeit sozialphilosophischer Nor- mativitätskonzepte angemessen darstellen zu sollen, ist ein einschüchterndes Unterfangen. Der von Möllers vorgezeichnete Weg zu einem supradisziplinär integrierten Verständnis des Be- griffs, der Wirkung und der Ambivalenz sozia- ler Normen will immerhin nicht nur thematisch souverän sein. Auch eine Emanzipation vom espritlosen Regeldenken und eine mehr als bloß akademische Konfrontation mit dem hierzulan- de etablierten Normativitätsparadigma werden verlangt. Soziale Normen, so Möllers, sollten nicht länger auf Ideale beschränkt werden und andernfalls den eigenen Inhalt nicht zum all- gemeinen Maßstab erheben, mithin „[k]einen gemeinsamen Begriff des Normativen implizit unterstellen“ (S. 11). Eingeteilt ist das Werk nebst einer Einlei- tung in drei griffige Hauptteile: „Probleme“, „Begriffe“ und „Erträge“. Während der erste Teil zu einer umfassenden Kritik der vor allem außerjuristischen Normativitätstheorien ansetzt, die sich für die Materialisierung ihrer idealisier- ten „Normen“ kaum interessierten und hilflos etwa gegenüber demokratischen Praktiken wie der Mehrheitsregel seien (z. B. S. 43ff.), for- muliert der zweite Teil einen Abhilfevorschlag. Soziale Normen sollten als Ausdruck einer – um es Weberianisch anzuverwandeln: je konkreten Möglichkeitsverwirklichungschance begriffen werden. Jeder Umgang mit ihr verbliebe dann in der Sphäre sozialen Handelns, würde nicht dem individuellen Selbstgehorsam moralischen Gewissens überantwortet, bloß um verläss- lich am umso unerträglicheren Anderssein der Wirklichkeit zu scheitern, in rigiden Normen- fundamentalismus oder erhabene Totalkritik zu münden. Der dritte Teil des Buchs überführt diese moralisch enthaltsame, gewissermaßen soziologische Perspektive in ein Spektrum, das