Nr. 397 · Dezember 2002 Der Fall des Kommunismus in Polen trug sehr schnell zu einer Diskussion über die Bilanz der Volksrepublik Polen bei. Die Diskussionen darüber wurden vor allem in der Presse geführt (Tygodnik Pows- zechny, Gazeta Wyborcza und andere). An ihr nahmen bekannte polnische Histori- ker, Soziologen, Politologen und Publi- zisten teil (zum Beispiel Jerzy Holzer, Ja- kub Karpinski, Krystyna Kersten, Marcin Kula, Jan Nowak-Jezioranski und andere mehr). Dabei sind einige charakteristi- sche Strömungen zu nennen. Es stellte sich die Frage nach der Souveränität, nach dem totalitären Charakter des Staates und der Beziehungen zwischen dem Staat/der Partei und der Gesellschaft. Es gibt eine übereinstimmende Meinung, dass der polnische Staat der UdSSR unter- worfen war. Diese Unterwürfigkeit war in unterschiedlichen Perioden größer oder kleiner. Die Polen betrachteten ihren Staat als eigenen, obschon sie sich mit den die Macht ausübenden Kommunis- ten nicht identifizierten (das bekannte Schema „wir“ versus „die da oben“). Das „wahre Polen“ Auf dieses Dilemma machte Krystyna Kersten sehr treffend aufmerksam: „Der untergeordnete Staat wurde jedoch der polnische Staat: So hat es der Großteil der Bürger gesehen. Die mangelnde Identifi- kation mit dem Regime war nicht mit ei- ner Ablehnung des Staates identisch. Nach der Bekämpfung des Untergrundes Ende der vierziger Jahre hatte der polni- sche Staat unter der Herrschaft der Kom- munisten bis in die siebziger Jahre hinein keine Alternative. Eine konsequente in- nere Emigration wählten nur Vereinzelte. Die politische Emigration, die polnische Regierung im Exil, wurde durch die Mas- sen nicht als das ,wahre Polen‘ angesehen, das der ,VRP‘ entgegengestellt werden konnte. Die historischen Vorbilder: Die Teilungszeit, die Okkupation hatten nichts mit der [kommunistischen] Wirk- lichkeit zu tun, in der die nachfolgenden Generationen der Polen aufwuchsen. Die Kinder gingen in die polnische Schule, Gegner des Kommunismus bekleideten widerstandslos leitende Posten, nahmen Auszeichnungen und Staatspreise entge- gen. Das Militär wurde als polnisch be- trachtet, obschon deren Führungskader an sowjetischen Hochschulen ausgebildet wurden.“ Der Meinung mancher Histori- ker zum Trotz fällt es schwer, die Volks- republik Polen als einen totalitären Staat zu bezeichnen. Zwar wurde versucht, to- talitäre Grundlagen dieses Staates in den Jahren 1949 bis 1956 zu legen (die so ge- nannte Stalin-Zeit), aber sie wurden nie verwirklicht. Die von den Kommunisten unternommenen Versuche zur Schaffung einer monolitischen Partei mit einem cha- rismatischen Führer endete in einem Fi- asko. Die damals vorangetriebene mar- xistisch-leninistische Ideologie setzte sich – die wenigen Bekenner des „Neuen Glaubens“ ausgenommen – in den brei- ten Kreisen der Gesellschaft nicht durch, und die Informationssperre (izolacja infor- macyjna) wurde aufgrund der Tätigkeit alternativer Informationsquellen (westli- Seite 48 Die zeitgeschichtliche Forschung nach 1989 Historische Debatten in Polen Krzysztof Ruchniewicz Inhalt PM 12/02