1 Thomas Paster Marie Curie Fellow University of Southern Denmark paster@sam.sdu.dk Dezember 2016 Arbeitspapier „Varieties of Capitalism“ und Sozialpolitik 1 Einleitung Der von Peter Hall und David Soskice entwickelte Forschungsansatz der “Varieties of Capitalism” (nachfolgend: VoC Ansatz) (Hall/Soskice 2001b) revidierte etablierte Annahmen und Vorstellungen von Sozialpolitik als nachteilig für wirtschaftliche Wettbewerbskraft und Wirtschaftswachstum. Viele Ökonomen nehmen einen negative Zusammenhang zwischen hohen Sozialausgaben und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit an. Der schwedische Ökonom Asar Lindbeck beispielsweise interpretierte die Wirtschaftskrise in seinem Land Anfang der 1990er als das teilweise Ergebnis negativer Auswirkungen sozialstaatlicher und lohnpolitischer Institutionen auf Produktivitätswachstum und Investitionsquoten (Lindbeck 1997; Lindbeck 1994). Lindbeck erkennt an, dass Sozialpolitik sowohl effizienzsteigernde als auch effizienzmindernde Wirkungen hat (Lindbeck 1997, 1297), betont jedoch negative Anreizeffekte und moral hazard Probleme. Die Kompression der Nettoeinkommensverteilung durch Lohn-, Steuer-, und Sozialpolitik reduziert nach Lindbeck Anreize in Humankapitalinvestitionen und reduziert daher das Produktivitätswachstum (Lindbeck 1997, 1295). Ähnlich sieht der deutsche Ökonom Hans- Werner Sinn hohe Lohnersatzeinkommen durch Sozialleistungen als „Jobkiller“ (Sinn 2003, 161- 165). Begründungen in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur für negative Effizienzeffekte sozialpolitischer Institutionen können wir in zwei Kategorien zusammenfassen: (a) Lohnkostenargumente, (b) Arbeitsanreizargumente. Diese beiden Argumentationslinien lassen sich, kurz gefasst, so formulieren: (a) Werden Sozialleistungen durch Sozialversicherungsbeiträge oder lohnbezogene Steuern finanziert, so erhöhen sie die Lohnkosten für Unternehmen und reduzieren dadurch die Wettbewerbsfähigkeit im Verhältnis zu Unternehmen in Ländern mit niedrigeren Sozialausgaben. (b) Hohe Sozialleistungen und gewerkschaftlicher Einfluss in der Lohnpolitik reduzieren Arbeitsanreize. Für dies Vermutung gibt es zwei Kausalmechanismen: Erstens, komprimiert Sozialpolitik, zusammen mit der Lohn- und Steuerpolitik, die Einkommensverteilung und macht daher berufliche Leistung weniger lohnenswert. Zweitens reduzieren Sozialleistungen die Abhängigkeit von Erwerbstätigkeit und schaffen dadurch negative Arbeitsanreize und Anreize zu Leistungsmissbrauch (moral hazard). Dieses zweite Argument kommt insbesondere im Kontext von Debatten zu „Workfare“ und „Aktivierung“ zur Anwendung. Der angenommene Effekt ist in beiden Punkten der gleiche: ein Rückgang des Produktivitätswachstums, eine niedrigere Erwerbsquote, und höhere Arbeitslosigkeit. Die Implikationen des VoC Ansatzes für die Sozialpolitik können am besten als Gegenthese zu diesen, in den Wirtschaftswissenschaften etablierten, Thesen verstanden werden. Der VoC Ansatz stellt einen theoretischer Rahmen dar der zwar nicht ursprünglich zur Analyse von Sozialpolitik entwickelt wurde, der jedoch aus der Sicht seiner Vertreter zur Analyse von Sozialpolitik einen wichtigen Beitrag leistet, und zwar sowohl in Hinblick auf die Analyse der ursächlichen Determinanten von Sozialpolitik, als auch in Hinblick auf ihre wirtschaftlichen Auswirkungen. Die Popularität des VoC Ansatzes ist wesentlich darauf zurückzuführen, dass dieser Ansatz positive Auswirkungen von Sozialpolitik auf wirtschaftliche Leistungsfähigkeit