54 CINEMA #61 VERWANDLUNG 55 ungeduldig die blonde Perücke, zum Vorschein kommt langes braunes Haar. Ihr Gebaren ist geschäftlich, kühl, rational. Der rapide Rollenwechsel und ihre ernste Miene machen klar, dass sie vorhin als eine Art von honey trap einen nicht sehr angenehmen Auftrag professionell ausgeführt hat. Später erfahren wir, dass sie von ihrem Sexkontakt eine wichtige Information erhalten hat: In nächster Zeit werde ein sowjetischer Überläufer nach Washington kommen. Die Situationskomik dieser Sequenz basiert unter anderem auf der iro- nischen Subversion von Politik und ideologischem Pathos durch Sex, wobei Letzterer als «universales Schmiermittel» nun die banale, alltägliche Form des Politischen verkörpert. Mit diesem das weitere Geschehen einstimmenden hook beginnt die Pilotfolge der preisgekrönten amerikanischen Fernsehserie The Americans. Im Genre Drama wird sie seit 2013 vom Kabelsender FX aus- gestrahlt und umfasst inzwischen drei abgeschlossene Staffeln; eine vierte ist für 2016 vorgesehen. Die Serie beginnt im ersten Jahr von Ronald Reagans Präsidentschaft, als sich der Kalte Krieg ein letztes Mal erhitzte (nach früheren Kulminationen im Koreakrieg der 50er-Jahre und der Kubakrise von 1962; und zweifellos gibt es hier auch eine Resonanz zu aktuellen Diskursen über einen «neuen Kalten Krieg» angesichts der Spannungen des Westens mit Putins Russland). Im Zentrum des Geschehens stehen zwei KGB-Agenten, Nadesch- da alias Elizabeth Jennings (Keri Russell) – die wir eingangs kennengelernt ha- ben – und Mischa alias Philip Jennings (Matthew Rhys), die in den 60er-Jahren von Moskau ausgewählt, mit neuen Identitäten ausgestattet, in der Kampf- kunst trainiert und auf perfekt amerikanisches Englisch geschult, anschliessend wie bei einer alien invasion in die USA eingeschleust wurden. Seither leben sie unauffällig als amerikanisches Ehepaar mit ihren zwei nichtsahnenden, in den USA geborenen Kindern Paige (13) und Henry (10) in einem Vorort von Wa- shington und leiten als Tarnung ein Reisebüro. Was die vom ehemaligen CIA- Offizier und heutigen TV-Autoren und Produzenten Joe Weisberg geschriebene Fortsetzungsserie von üblichen Agentenstories unterscheidet, ist der Fokus auf das Familienleben der Jennings. Wir haben es hier mit einem Genre zu tun, dessen Ursprünge in der literarischen Abenteuerfiktion des 19. Jahrhunderts liegen, in dem Spione je- doch schon lange in zunehmend entglorifizierter Weise dargestellt werden 1 (ein frühes Beispiel der Entheroisierung findet sich in Joseph Conrads Roman von 1907, The Secret Agent). The Americans präsentiert sich als Fortentwicklung dieses Trends und wirft dabei eine Reihe von interessanten Fragen auf: Wie lebt man als Spion im Alltag? Wie kann man mit der Notwendigkeit leben, praktisch alle Personen um einen herum konstant zu belügen? Welchen Einfluss hat das auf persönliche Beziehungen? Wie kann man emotional wie moralisch mit eini- gen der verwerflichen und schrecklichen Dinge leben, die man tun muss (etwa mit Informanten oder Zielobjekten zu schlafen, sie zu erpressen, zu entführen HENRY M. TAYLOR ALIENS AMONG US Nächtens in einer belebten Bar in Washington, D.C., anno 1981. Laute Pop- musik ist zu hören. Inmitten des dunstigen, in flacher Schärfe gefilmten Trubels eine laszive Blondine mit Bob-Frisur, stark geschminkt, mit aufgesetzten Wim- pern und schulterlosem Dress; sie sitzt gegenüber einem Mann im dunklen Anzug und mit beginnender Glatze, der sie mit vertraulichen Informationen zu beeindrucken versucht. «Seriously, the President?», haucht sie mit leicht ge- dehntem Südstaatenakzent. «How do I know you’re not making all this up?», fragt sie, an ihrem Drink nippend, während ihre Gesichter sich fast schon intim nahe sind. Er zeigt ihr seine Referenzen: einen Ausweis vom U.S. Department of Justice, den er vor ihr herunterklappen lässt. «Oh my God», haucht sie wieder, während ihre Fingerspitze zärtlich über das Dokument gleitet. «So handsome», meint sie zu seinem Ausweisfoto. «The things I’m telling you», erwidert er be- deutungschwer, «you don’t joke around about. It could be dangerous.» «Dan- gerous», wiederholt sie, ihm tief in die Augen blickend. Dann sind wir in einem Hotelzimmer, er liegt rücklings auf dem Bett, während sie, im BH und Höschen auf ihm sitzend, ihn langsam auszieht. Die meisten Leute, sagt er, hätten keine Ahnung, was da draussen an subversiver Tätigkeit wirklich vor sich gehe: «The sheer number of people working to destroy our way of life», während sie ihm den Hosenschlitz aufknöpft und an ihm bis unter die Gürtellinie herabgleitet. «You ready for this?», fragt sie schmunzelnd, und während die Kamera diskret zu seinem nun der Zimmerdecke zugewandten Gesicht hochschwenkt, bricht sein patriotisches Bekenntnis gegen die Subversion abrupt ab, und in sein Stöhnen mischen sich die treibenden Trommeln von Fleetwood Macs «Tusk». Abblende. Wir sehen die Blondine aus dem Gebäude zu ihrem Wagen eilen; sie schliesst schnell auf und steigt ein. Nun vollständig abgeschminkt, entfernt sie