1 Giovanni Gentiles nichtidealtheoretischer Rechtfertigungsversuch des Faschismus Martin Beckstein [Erscheint in: N. Campagna und S. Saracino (Hrsg.). Staatsverständnisse in Italien. Baden- Baden: Nomos.] In der Geschichte des italienischen Staatsdenkens nimmt Giovanni Gentile eine unrühmliche Stellung ein. Der sizilianische Philosoph stellte seine intellektuelle Schaffenskraft in den Dienst Mussolinis. Mit seinen Schriften zum Faschismus stattete er dessen Regime mit einer offiziellen Selbstbeschreibung aus und erwarb sich in der Folge den Ruf, der Philosoph des Faschismus zu sein. Allerdings kann Gentiles Philosophie nicht auf eine Apologie des Faschismus reduziert werden. Tatsächlich lag Gentiles Hauptaugenmerk, ehe er sich Anfang der 1920er Jahre Mussolinis Regime anschloss, auf der Ausprägung einer radikalkonstruktivistischen Subjektphilosophie – dem sogenannten (idealistischen) Aktualismus – deren politiktheoretische Implikationen keineswegs offensichtlich sind. Eine differenzierte Darstellung von Gentiles Staatsdenken muss diese politiktheoretischen Implikationen identifizieren und eruieren, inwiefern sie Gentile zur späteren Legitimation des Faschismus verhalfen oder zumindest motiviert haben mochten. Indem der vorliegende Beitrag inhaltlichen Kontinuitäten und Diskontinuitäten in Gentiles Staatsdenken nachspürt, versucht er eine Antwort auf die Frage zu finden, ob Gentiles Parteinahme für den Faschismus aus theoretischer Hinsicht konsequent war. Psychologische Einsichten sollen dagegen nicht gewonnen werden. Der Beitrag bleibt deshalb agnostisch im Hinblick auf die biographisch relevante Frage, ob Gentile, der philosophische Aktualist, aus Überzeugung, Opportunismus oder Verwirrung zum politischen Faschisten wurde und es bis zu seiner Ermordung im April 1944 blieb. 1 1 Die vorliegende Untersuchung baut auf meinem Aufsatz ‚Giovanni Gentile und die „Faschistisierung“ des Aktualismus. Zur Deformation einer idealistischen Philosophie’ (Beckstein 2008) auf und bekräftigt im Wesentlichen die dort begründete These. Vermittelt über Amatos (2011) und Wakefields (2015a, 2015b) zwischenzeitlich erschienene Studien, wird allerdings größeres Gewicht auf Gentiles Moralphilosophie gelegt. Darüber hinaus konstruiert der fünfte Abschnitt ein nichtidealtheoretisches Argument, mit dem Gentile seine