Katharina Bluhm Machtgedanken Ideologische Schliisselkonzepte der neuen russischen Konservativen* In seinem 1995 erschienenen Buch iiber Die Erfindung Rufilands attestiert der Philosoph und Kunsttheoretiker Boris Groys der russischen Kultur »eine extreme Empfindlichkeit fur die Unzufriedenheit des W estens m it sich sdbst; fur die Sehnsiichte und W iinsche^ die im westlichen politischen und kulturellen System keine Befriedigung finden konnen«. Zugleich konstatiert er^ dass Russland sich selbst immer wieder »als Realisierung dieser westlichen Traume angeboten« und so »gleichzeitig Verbindung und Opposition zumWesten« gesucht habe.^ Diese Diagnose - das Zusam- menspiel von extremer Empfindlichkeit, Verbindung und Opposition - m it der Groys Konstanten der russischen Kultur zu formulieren sucht, er- oifnet einen recht guten Zugang zu dem, was ich im Folgenden als neuen ak- tivischen Konservatismus bezeichnen und erortern mochte. Bei dessen Kon- struktion spielen russische konzeptive Ideologen eine tragende Rolle, seine Schliisselkonzepte indes sind in der Auseinandersetzung m it »dem W es- ten«, m it westlichen Analysen und Debatten und in Interaktion m it der neuen europaischen Rechten zu begreifen. M it Referenz auf Karl Mannheim definiert Michael Freeden modernen Konservatismus als Gegenideologie und Gegenbewegung zu Liberalismus und Sozialismus, den »progressiven Ideologien« des 19. und 20. Jahrhun- derts.^ In der Auseinandersetzung m it diesen beiden sich wandelnden Ideo- logien bildet und variiert der moderne Konservatismus Freeden zufolge seine ideologischen Schliisselkonzepte (core concepts), wobei der Begriff der »Ideologie« bei ihm, anders als etwa bei Marx, neutral besetzt ist. Ich hake Freedens Deutung fur einen geeigneten Ansatz zum Verstandnis des neuen Konservatismus in Russland und Europa, well dessen konzeptive Ideologen genau das vorhaben: eine landeriibergreifende politische Gegen - bewegung zu erzeugen. Zudem dient der Begriff des »Konservativen« den * Der Text basiert auf einem Vortrag, den ich am 26.9.2016 auf dem Soziologiekongress »Geschlossene Gesellschaft« in Bamberg gehalten habe. 1 Boris Groys, Die Erfindung Rufilands, fibers, von Annelore Nitschke, Gabriele Leupold u. Johanna Roos, M iinchen/W ien 1995, S. 10. 2 Michael Freeden, Ideologies and Political Theory. A Conceptual Approach, Oxford 1996,* ders., »Morphological Analysis of Ideology«, in: Michael Freeden / Lyman Tower Sargent / Marc Stars (Hg.), The Oxford Handbook of Political Ideologies, Oxford 2013, S. 115-137; Karl Mannheim, Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des W issens, hrsg. von David Kettler, Volker Meja u. Nico Stehr, Frankfurt am Main 1984, S. 94 f. 56 M ittelweg 36 6/2016 J Akteuren als Selbstbezeichnung, wahrend Fremdbezeichnungen als »Popu- listen« oder »Rechtspopulisten« von ihnen zuriickgewiesen werden. Ent- sprechende Etikettierungen sind aber aiich deshalb ungeeignet, weil sie das Phanomen auf einen antielitaren und antipluralistischen Politikstil verkiir- zen, der fur linke wie rechte Populisten gleichermafien kennzeichnend ist.^ Vor allem steht der populistische Anspruch, das »wahre Volk« zu vertreten, im W iderspruch zu dem, was die neuen Konservativen ganz offen als ihr Ziel ausgeben: die Formulierung einer Ideologie durch Eliten beziehungs- weise Gegeneliten. An den Schliisselkonzepten des aktiyischen Konservatismus haben ne- ben russischen Ideologen auch Vertreter der Neuen Rechten in Europa m it- gewirkt. Metaphorisch gesprochen nutzen sie dabei zwei Spiegel: Wahrend den russischen Konservativen ihr B ild von Europa und »dem W esten« (einmal mehr) zum Entwurf einer russischen Alternative dient, bildet um- gekehrt das Russlandbild der europaischen Rechten einen wesenthchen Be- standteil ihres Gegenentwurfs eines Europas ohne Europaische Union. Meine These lautet, dass es sich bei dem neuen aktivischen Konservatis - mus um eine spezifische Konfiguration von Konzepten, Motiven und The- men handelt, die gegenwartige Krisenphanomene aufnimmt und sie m it al- teren Versatzstiicken russischen und europaischen konservativen Denkens versetzt. Dadurch unterscheidet er sich klar vom amerikanischen Neokon- servatismus, auch wenn einige russische Konservative anfangs m it diesem Vergleich gespielt haben.^ Ungeachtet ihres spezifischen Charakters ist die Konfiguration der verwendeten Schliisselkonzepte jedoch keineswegs fix. Tatsachlich hat sich in den letzten Jahren eine bemerkenswerte, aber bisher kaum beachtete Verschiebung der Schliisselkonzepte vollzogen: Stand zu- nachst der Liberalismus in seiner heute dominanten Gestalt als W irtschafts- liberalismus und Wettbewerbsdemokratie im Zentrum der konservativen Ideologiekritik, so wird die K ritik am Liberalismus inzwischen von einer breiter gesellschaftstheoretisch aufgestellten K ritik an der Postmoderne iiberwolbt. Der Antiliberalismus verwandelt sich in eine K ritik an einem zu weit getriebenen Liberalismus (der in sein Gegenteil umschlagt), an einer 3 Vgl. Jan-Werner Muller, Was ist Populismus? Ein Essay, Frankfurt am Main 2016, insbesondere S. 42-66. Soweit man vom Populismus als einer Ideologie sprechen kann, verfiigt er iiber wenige und vage Schliisselkonzepte. Nach Mudde und Kaltwasser sind das »people«, »elite« und »general will«. Die beiden Autoren bezeichnen Populismus daher als »thin-centered- ideology«, im Unterschied zu den »thick-centered-ideologies« oder »full ideologies«, zu denen letztlich auch der Konservatismus gehort. Vgl. Cas Mudde / Cristdbal Rovira Kalt - wasser, »Populism«, in: Freeden/Sargent/Stars (Hg.), The Oxford Handbook of Political Ideologies, S. 493^Si2 , hier S. 498-506. 4 Michail V. Remizov, Konservatizm segodnja: analitiieskij obzor-, online unter: www.apn.ru/ publications/ articlei748.htm [24.10.2016]. Vgl. auch Marline Laruelle, Inside and Around the Kremlin's Black Box. The New Nationalist Think Tanks in Russia, Nacka 2009, S. 60; online unter: www.isdp.eu/images/ stories/isdp-main-pdf/2009_laruelle_inside-and-around- the-kremlins-black-box.pdf [24.10.2016]. M ittelweg 36 6/2016 57 Katharina Bluhm - Machtgedanken