Alexander Lasch Zur Vereinbarkeit von diskurslinguistisch motivierter Sprachgeschichtsschreibung und maschineller Sprachanalyse am Beispiel des „Islamismus“-Diskurses Aktuelle Sprachgeschichtsforschung arbeitet sprachgebrauchsbasiert und kor- pusgestützt; die Zeiten, in denen Sprachformen erschlossen oder geglättete Edi- tionen mittelhochdeutscher Überlieferung erarbeitet wurden, scheinen vorbei zu sein. Zum zweiten haben in den letzten 30 Jahren sprachexterne Aspekte wesent- lich an Gewicht gewonnen: Zu denken ist an alle Ansätze einer pragmatischen und später kulturwissenschaftlich interessierten Sprachgeschichtsschreibung, die die Kontexte kommunikativer Ereignisse berücksichtigen. So ist verständ- lich, dass die Diskurslinguistik nach dem Zuschnitt Busses seit 20 Jahren in der Sprachgeschichtsforschung starken Widerhall findet und als Theorie- und Methodenangebot aufgenommen wurde, um die Spezifik komplexer kommuni- kativer Ereignisse zu beschreiben. In den letzten Jahren gewinnen außerdem maschinelle Analysen auf der Basis großer maschinenlesbarer Korpora zunehmend an Bedeutung im Bereich der Linguistik. Die Sprachgeschichtsforschung geht (noch zaghaft) ins digitale Zeitalter, vor der Nutzung maschinenlesbarer Korpora hat sie auf weiten Strecken noch gehörigen Respekt. Das hat neben anderen auch möglicherweise diese zwei Gründe: Zum einen liegt der Diskurslinguistik (und damit diskurslinguistischen sprachhistorischen Arbeiten) ein Korpusbegriff zu Grunde, der mit dem Korpusbegriff der Korpuslin- guistik nicht ohne Weiteres vereinbar zu sein scheint. Zum anderen – und das ist forschungspraktisch der ausschlaggebende Punkt – müssen maschinenlesbare Korpora standardisiert und zuverlässig annotiert sein, um belastbare Ergebnisse liefern zu können. Dazu müssten alle Wortvorkommen in historischen Texten nach grammatischen Informationen und ihrer neuhochdeutschen Entsprechung annotiert werden. Das ist in Bezug auf historische Quellen jenseits des standardi- sierten 19. Jahrhunderts ein nicht zu unterschätzendes Problem und könnte beim jetzigen Stand der Technik zum großen Teil nur von Hand erfolgen. Dass sich der Aufwand dennoch lohnt, lässt sich an ausgewählten Beispielen aber schon heute zeigen. Im vorliegenden Beitrag soll der Versuch unternommen werden, auf der Basis eines maschinenlesbaren Korpus signifikante sprachliche Muster (Konstruktionen) herauszuarbeiten, die im „Islamismus“-Diskurs Argu- 10.1515/jbgsg–2014-0016 Bereitgestellt von | Universitaetsbibliothek Kiel Angemeldet Heruntergeladen am | 09.12.15 16:13 In: Vilmos Ágel & Andreas Gardt (Hgg.). Paradigmen der Sprachgeschichtsschreibung (Jahrbuch für Germanistische Sprachgeschichte 5). Berlin, New York: de Gruyter. 231-249.