Kommentar zum Aufsatz von Florin Curta: Utváření Slovanů (se zvláštním zřetelem k Čechám a Moravě) – The Making of the Slavs (with a special emphasis on Bohemia and Moravia), Archeologické rozhledy 60 Felix Biermann Der Beitrag kommentiert den Aufsatz von Florin Curta in der Archeologické rozhledy 60 und die Grund- these des Forschers, die Bezeichnung „Slawen“ sei eine Konstruktion der Byzantiner für ganz unterschied- liche Gruppen im Norden ihrer Reichsgrenzen. Unter Rückgriff unter anderem auf archäologische For- schungsergebnisse im nördlichen westslawischen Raum wird diese These kritisch betrachtet. frühe Slawen – Keramik des Prager Typs – ethnische Gruppen – Dendrochronologie Comments on the article of Florin Curta: The Making of the Slavs (with a special emphasis on Bohemia and Moravia), Archeologické rozhledy 60. The paper comments F. Curtas article in Archeologické roz- hledy 60 and the author’s basic thesis, the term „Slavs“ would be a Byzantine construction for different groups in the North of the borders of the Empire. Using amongst others archaeological results from the north western Slavic territories this thesis is considered critically. early Slavs – Prague type pottery – ethnic groups – dendrochronology Soziale Gruppen und Kollektive, das lehren Soziologie und geschichtliche Erfahrung, bilden sich nicht aus sich selbst heraus, finden nicht nur durch interne Bewusstwerdung zu überdauernder Identität. Soziale Wirklichkeit ist definierte Wirklichkeit, und insbesondere an der Definition ethnischer Kate- gorien, ihrer Ausdehnung, ihrer territorialen Grenzen und ihrer Zusammensetzung sind viele beteiligt: Freunde und Feinde, Nachbarn und entfernte Bezugsgruppen, die soziale Umwelt schlechthin, nicht zuletzt natürlich auch die Gruppen selbst. In der sozialen und kulturellen Identität von Gesellschaften gehen Selbst- und Fremddefinitionen also eine Synthese ein – das ist heutzutage eine wenig aufregen- de Erkenntnis, die sicherlich auch für die Geschichte der Slawen gilt. Florin Curta geht es in seinem profunden und reich bebilderten Aufsatz 1 allerdings um mehr, näm- lich um eine radikale, konstruktivistisch inspirierte Neuinterpretation der slawischen Frühgeschichte, wie er sie schon in seinem 2001 erschienenen, gleichnamigen Buch vertreten hat (Curta 2001a). Für ihn sind, wenn man seine Überlegungen in dieser Kürze zusammenfassen darf, die frühen Slawen ein Konstrukt aus Fremddefinitionen ohne eigene Identität, gemeinsame Kultur und gelebte Zusammen- gehörigkeit. Aufgrund methodologischer Überlegungen, einer sorgfältigen Analyse der schriftlichen Quellen und der archäologischen Befunde sowie einer kritischen Bewertung von deren Deutungs- mustern kommt er zu dem Bild, dass „during most of the sixth century […] the word ,Sclavenes’ must have been used as an umbrella-term for various groups living north of the frontier“ des byzantinischen Reiches. „Although undoubtedly of barbarian, most likely Slavic, origin, the name was a construct of the Byzantine authors, to the extent that it was designed to make sense of a complicated configuration of ethnic groups on the northern frontier […]. In its most strictly defined sense, the Sclavene ethnicity is thus a Byzantine invention: the Byzantines made the Slavs“. Die Ethnizität fasst er dabei als eine „decision people make to depict themselves or others symbolically as bearers of certain cultural iden- tity“ bzw. als „a socially and culturally constructed form of social mobilization used in order to reach certain political goals“ 2 auf, was sich auch im Alltagsgeschehen und in der Sachkultur – in Form „emblematischer Stile“ – ausdrücken konnte. Eine „Urheimat“ der Slawen, von der aus sie sich als 1 Grundlage dieses Kommentars ist die englische Originalversion des Aufsatzes von F. Curta. 2 Wenn nicht anders gekennzeichnet, stammen die Zitate aus der Originalversion des Aufsatzes F. Curtas. Archeologické rozhledy LXI–2009 337 337–349