Möglichkeitsraum und Möglichkeitssinn Jan Slaby 1 Möglichkeitsraum und Möglichkeitssinn. Bausteine einer phänomenologischen Gefühlstheorie 1 Jan Slaby 1. Einleitung Die Erkundung des menschlichen Gefühlslebens bildet seit vielen Jahren einen bedeutsamen Schnittbereich zwischen der Philosophie und den empirischen humanwissenschaftlichen Disziplinen, zum Beispiel der Psychologie, der Psychiatrie und den Neurowissenschaften. 2 Philosophinnen und Philosophen, die sich mit den Gefühlen beschäftigen, stehen daher vor einer besonderen Herausforderung. Einerseits sind sie gut beraten, ihre Überlegungen so zu gestalten und zu formulieren, dass sie auch von nicht philosophisch geschulten Personen produktiv aufgenommen werden können. Andererseits müssen sie sicherstellen, dass die theoretische Beschreibung von Gefühlsphänomenen nicht durch Vereinfachungen, Verkürzungen oder vorschnelle Zugeständnisse an die (vermeintliche) Empirie verfälscht wird. Mein Beitrag stellt einen Versuch da, ein phänomenologisches Verständnis der menschlichen Gefühle in groben Zügen so zu umreißen, dass der interdisziplinären Gefühlsforschung Anschlüsse an die Philosophie der Gefühle zumindest erleichtert werden. Ich meine damit neben den genannten humanwissenschaftlichen Disziplinen, die sich vor allem mit den physiologischen sowie evolutions- und verhaltensbiologischen Grundlagen von Emotionen befassen, auch Ansätze aus den Sozial- und Kulturwissenschaften, in denen Gefühle in den letzten Jahren vor allem unter dem Schlagwort „Affekt“ (affect studies; affective turn; etc.) thematisiert worden sind. 3 Zum Zweck einer solchen offenen Artikulation eines gefühlstheoretischen und gefühlsphänomenologischen Ansatzes beschreibe ich fünf zentrale Aspekte, die ich als für eine solche Konzeption unabdingbar erachte; natürlich sind es nicht die einzig denkbaren. Alle fünf Punkte sind in vielen nicht-phänomenologischen Ansätzen bislang – wenn überhaupt – nur in stark verkürzter Form berücksichtigt werden; deshalb werde ich sie im 1 Der vorliegende Text ist eine in 2016 ergänzte und überarbeitete Fassung eines Textes, der ursprünglich erschienen ist in: Andermann, Kerstin/Eberlein, Undine (Hg.), Gefühle als Atmosphären, Berlin: Akademie-Verlag, 2011. 2 Wichtigster Wegbereiter dieses Trends ist der Neurologe Antonio R. Damasio (1994 und 1999). Bemerkenswerte philosophische Anknüpfungen an die naturwissenschaftliche Affektforschung markieren die Studien von Griffiths (1997) und Prinz (2004). Eine sehr differenzierte philosophische Einführung in diese Thematik ist Hartmann (2010). 3 Einschlägig für die kulturwissenschaftlichen affect studies sind die beiden Sammelbände von Clough & Halley (2007) sowie Gregg & Seigworth (2010). Eine philosophische Perspektivierung dieser Ansätze bieten Slaby, Mühlhoff & Wüschner (im Erscheinen).