prominent besetztes Podium zu den derzeitigen Arbeitsmarktreformen. Am Mittwoch wurde auf höchstem Niveau über die Kulturen der Herme- neutik – die Hermeneutik der Kulturen parliert und am Donnerstag unter der Leitung von Heinz Bude über Eliten und unter der Regie von Jutta Allmendinger über Familienpolitik mit Vertrete- rinnen und Vertretern verschiedener Interessen- verbände, der Politik, der Wirtschaft und der Kultur diskutiert. In den Sektionssitzungen und Ad-hoc-Gruppen wurden wie immer Spezialthemen vertieft und neuere Ergebnisse aus den Bindestrichsoziologien und konkreten Forschungen vorgestellt. Es fand sich etwas für jeden soziologischen Geschmack und jedes gesellschaftstheoretische Interesse: Das Angebot reichte von der international verglei- chenden Organisations- und Managementfor- schung über die neuen Erben bis zur Entdeckung der Emotionen. Bewährt hat sich auch wieder die beim letzten Kongress erstmals umgesetzte Idee, neue Bücher durch Kommentatoren vorstellen zu lassen – dieses Jahr waren es Arbeiten von Jens Beckert und Thomas Schwinn. Wie immer anre- gend war die Präsenz der sozialwissenschaftlichen Fachverlage, die in diesen schwierigen Zeiten mit viel Engagement und hohem Einsatz ein breites Spektrum an neuer Literatur präsentieren konn- ten. In seinem Schlusswort bemerkte der Vorsit- zende, dass im Falle gelungener Kongresse nie- mand über die Planung und Organisation spre- chen würde, während dies andernfalls ausgiebig der Fall wäre. In München sprach dank der Ar- beit von Wolfgang Bonß, der vielen Helferinnen vor Ort und der Geschäftsstelle der DGS in Dresden niemand über die gelungene Kongress- organisation, dafür aber um so mehr über die äu- ßerst angenehme Tagungsatmosphäre. Andrea Maurer * Alte Herren, junge Projekte und Praxisbezug Soziale Ungleichheit war das Thema des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Sozio- logie, und soziale Ungleichheit war nicht nur die Klammer für die vielfältigen Themen der Ple- nen, Podiumsdiskussionen, (Mittags-)Vorlesun- gen, Sektionsveranstaltungen und Ad-hoc-Grup- pen, sondern auch für das, was sich dem soziolo- gisch geschulten Auge der beobachtenden Teil- nehmerin darbot. Soziale Ungleichheit als Ursa- che sozialer Ausgrenzungen in Bezug auf Alter, Körper, Geschlecht und regionale Herkunft wur- de nicht nur in den Veranstaltungen diskutiert, sondern manifestierte sich auch auf den Redner- listen und in den Diskussionen der Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung, Mittagsvorlesungen, Abendveranstaltungen und Podiumsdiskussionen, den Aushängeschildern des Kongresses: Wenig Frauen, wenig Junge, wenig Ostdeutsche, keine Behinderten (mit Ausnahme eines vereinzelten Rollstuhlfahrers im Publikum). Besonders in diesen offiziellen Veranstaltun- gen dominierten die großen alten Männer der Soziologie – Shmuel Eisenstadt, Richard Sennett, Thomas Luckmann oder Günter Dux – ebenso wie jüngere „große Männer“ wie Karl-Ulrich Mayer, Ulrich Beck, Hartmut Esser, Ulrich Oevermann, Dirk Kaesler, Heinz Bude und Karl- Siegbert Rehberg als Vorsitzender der DGS. Selbst in einer Podiumsdiskussion zum Thema „Familienpolitik als Wachstumspfad“, in der es unter anderem um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei Frauen ging, waren nur die Dis- kussionsleiterin (Jutta Allmendinger) und die Fa- milienministerin (Renate Schmidt) weiblich; in anderen Veranstaltungen saß überhaupt keine Frau auf dem Podium. Expertise wird immer noch eher den Männern zugesprochen – das ist in traditionalen Gesellschaften so und offenbar auch in der Soziologie. Überhaupt war der Wunsch nach der Bewahrung des Alten, Vertrau- ten zu spüren, zum Beispiel in der Diskussion über die Neuordnung vieler sozialwissenschaftli- cher Studiengänge in Richtung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse, aber auch in den Veran- staltungen zum hundersten Geburtstag von Max Webers Objektivitäts-Aufsatz und Protestanti- scher Ethik und zum 65. Geburtstag von Hans- Georg Soeffner. In dieser Veranstaltung einer verstehenden Sozialforschung, die sich selbst fei- erte, wurde die Prävalenz des Patriarchats und des Lehrer-Schüler-Verhältnisses in der qualitati- ven Forschung jedem teilnehmenden Beobachter und beobachtenden Teilnehmer sicht- und ver- stehbar. Aber es war auch Lust die am Neuen zu beob- achten, die Beschäftigung mit Themen aus der aktuellen öffentlichen Diskussion: nicht nur in den Ad-hoc-Gruppen, von denen man erwartet, dass sie neue Themen abseits vom soziologischen Mainstream in den Diskurs einführen, sondern sogar in den Plenarveranstaltungen. So ging es zum Beispiel um Fragen wie Copyright versus Public Domain, Zivilgesellschaft und Citizenship, prekäre Arbeitsverhältnisse, ungleiche Chancen im Bildungs- und Gesundheitssystem, um Gene- rationengerechtigkeit und die Situation der Ren- tenversicherung, um die Erweiterung der Euro- päischen Union und die EU-Mitgliedschaft der 784 Nachrichten und Mitteilungen