7 Fernsehrealität: Genrevielfalt und Produktionspraxis. Zur Einleitung in die wissenschaftliche Untersuchung von Scripted Reality-Formaten Daniel Klug und Klaus Neumann-Braun 1. Spannungsfelder und Übergänge zwischen Fakt und Fiktion 1 Das Reality-TV-Genre ist generell von einer fortschreitenden und sich verdichtenden Hybridisierung von Fakt und Fiktion gekennzeichnet. Her- kömmliches, dokumentarisches Reality-TV wird immer stärker in kleinen, teils kaum merklichen Schritten durch gänzlich fiktionale Scripted Reali- ty-Formate ersetzt, welche ihre Zugehörigkeit zum ‚Reality‘-Genre ledig- lich durch eine entsprechende Kennzeichnung geschickt vortäuschen. Die- ser Wandel deutete sich bereits in Gerichtsshows zu Beginn der 2000er Jahre an (z.B. Richterin Barbara Salesch, Richter Alexander Hold), da die agierenden betroffenen Personen nach und nach durch LaiendarstellerIn- nen ersetzt wurden, welche die immerhin authentischen Fälle nur noch nachstellten (vgl. Bergmann/von Gottberg/Schneider 2012, S. 9f.). Erste soapartige Formate wie Die Abschlussklasse zeigten darüber hinaus, wie sich vollumfängliche Fiktion dramaturgisch und ästhetisch an dokumenta- rische Fernsehwirklichkeiten des Reality-TV anpassen lässt (vgl. Wolf 2011). Scripted Reality-Formate zeugen zudem von einer spezifischen Hybridisierung, da sie aus den beiden bereits in sich hybriden Genres der Doku-Soap und des herkömmlichen Reality-TV hervorgehen (vgl. Mikos 2013, S. 130), die jeweils wiederum formatinterne Variationen hinsicht- lich des Realitätsgrads aufweisen können (vgl. Hißnauer 2011, S. 363). Scripted Reality-Formate sind folglich als ambivalentes Phänomen des deutschsprachigen Unterhaltungsfernsehens anzusehen, welches die gän- gigen Genregrenzen zwischen Information, Fiktion und Nonfiktion eigen- tümlich verwischt. Prinzipiell verfolgt Reality-TV in jeder möglichen Ausprägung einen selbstauferlegten „claim to ‚the real‘“ (Holmes/Jermyn 2004, S. 5), d.h. ____________________ 1 Wir danken Axel Schmidt für seine zielführenden Kommentare zu diesem Beitrag.