In: AEP Informationen. Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 42(4), S. 10–14. Swantje Köbsell und Lisa Pfahl Zurzeit befinden sich Tausende Menschen auf der Flucht und benötigen in Europa Asyl. Sie hoffen auf ein Leben in Sicherheit und eine Zukunft für sich und ihre Kinder. Viele von ihnen benötigen aufgrund von Beeinträchtigungen und Traumata medizinische und sozial- psychologische Betreuung. Ärzt_innen, Psycholog_innen und Freiwillige bemühen sich um eine erste Hilfe bei der Ankunft, auf spezielle Bedürfnislagen kann dabei nicht eingegangen werden. Damit wird die Nichtwahrnehmung der Bedürfnisse von Flüchtlingen mit Beeinträchtigungen fortgeschrieben; denn weder bei der Errichtung von Flüchtlingslagern noch bei der Planung von Hilfsmaßnahmen werden behinderte Flüchtlinge systematisch mitgedacht, wodurch es für diese z.B. nur erschwert oder gar nicht möglich ist, die sanitären Einrichtungen zu benutzen oder die Verteilungspunkte für Wasser und Nahrungsmittel zu erreichen, was sie faktisch von der Versorgung ausschließt und ihre Vulnerabilität erhöht (Mayer 2014). Dieses Beispiel zeigt, dass Überschneidungen von Behinderung und Migration bislang nicht ausreichend berücksichtigt werden, weder von staatlichen noch von zivilgesellschaftlichen Institutionen und Organisationen. In diesem Beitrag gehen wir den Gemeinsamkeiten und Unterschieden kultureller Zuschreibungen von Migration und Behinderung nach. Wir zeigen, welche Zusammenhänge zwischen Migrations- und Behinderungserfahrungen bestehen und welche Rolle Geschlecht dabei spielt. Verflechtungen Die Kategorien „Behinderung“ und „Migrationshintergrund“ sind machtvolle Konstruktionen, die „in ähnlichen und in jeweils spezifischen Weisen zur Strukturierung von Gesellschaft bei(tragen)“ (Attia 2013, 19, Hervorh. im Original). Die größte Gemeinsamkeit ist die Konstruktion als das „Andere“ einer weißen, christlichen, nichtbehinderten gesellschaftlichen Mehrheit, die sich selbst als „normal“ ansieht – eine Normalität, die nicht hinterfragt wird. Dieser Prozess des „Othering“ beinhaltet die Tendenz zur Segregation in wichtigen sozialen Feldern wie Bildung und Arbeit. Darüber hinaus führt er zu individueller und struktureller Diskriminierung, zu eingeschränkter Selbstvertretung und fehlender kultureller Repräsentation sowie zur essentialistischen Reduktion auf ein einziges Merkmal. Behindert, weiblich, migriert Aspekte mehrdimensionaler Benachteiligung