140 JULIAN STRUBE
© Koninklijke Brill NV, Leiden ZRGG 66, 2 (2014)
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JULIAN STRUBE
Ein neues Christentum
Frühsozialismus, Neo-Katholizismus und die Einheit
von Religion und Wissenschaft
Frühsozialismus und Religion
Die verschiedenen sozialistischen Systeme der ersten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts sind heute nur noch Wenigen gut bekannt. Sozialtheoretiker
wie Henri Saint-Simon (1760-1825) und Charles Fourier (1772-1837) übten
zwar einen großen Einfluss auf spätere Sozialisten wie Friedrich Engels
und Karl Marx aus, jedoch führte das Scheitern der auf ihnen aufbauen-
den Strömungen nach der Februarrevolution von 1848 und dem Staats-
streich Louis-Napoléons von 1851 zu einem weitgehenden Vergessen. Dies
betrifft insbesondere den dezidiert religiösen Charakter ihrer Ideen.
Die sukzessive Überschattung frühsozialistischer Ideen vor allem durch
den Marxismus hatte zur Folge, dass jene religiösen Elemente auch in
der Forschung – wenn überhaupt – oft nur als Makulatur, als „Extrava-
ganzen“ oder als „ekklesiastischer Unsinn“ wahrgenommen worden sind.
1
Der vorliegende Artikel möchte dahingegen herausstellen, dass Kon-
zepte von „Religion“ zum Kern der vorgestellten sozialistischen Systeme
zählten;
2
dass diese religiösen Konzepte nur vor dem Hintergrund der
Pre-1848 socialism is little known, especially its religious aspects. This article argues that
socialist concepts of “religion,” albeit much neglected by scholarship, were central to it;
that those concepts can only be understood against the background of 18
th
-century en-
lightenment discourses; that the socialist systems from the first half of the 19
th
century
can be regarded as the expression of a resulting religious pluralization of new forms of
religiosity; and, finally, that those socialist discourses have exerted a lasting influence
on the religious landscape of Europe. After discussing the religious ideas of the Saint-
Simonians and the Fourierists, and comparing them to the neo-Catholic ideas of
Lamennais, the article suggests four major characteristics of socialist religiosity: en-
lightenment criticism, a certain philosophy of history, a synthesis of science and reli-
gion, and a unity of the religious and political orders, a “universal harmony. ”
1
Frank E. Manuel, The Prophets of Paris, New York ²1965, S. 152, 163f., 184.; nicht ungewöhnlich
sind Sarkasmen wie in George Lichtheim, The Origins of Socialism, New York 1969, S. 54: „[…] the
Saint-Simonian ‚religion‘ – the term was employed in deadly earnest – released an emotional
torrent that swept thousands of men and women off their feet.“
2
Der Frage, was „Religion“ im jeweiligen Kontext genau bedeutete, kann in diesem Rahmen
nicht nachgegangen werden. Grundsätzlich muss bedacht werden, dass die Bedeutung dieses
Begriffs zu Beginn des 19. Jahrhunderts stark umstritten war und er in den Zitaten, die dem Leser
in diesem Artikel begegnen, auf sehr unterschiedliche Weise verwendet worden ist. Für grund-
sätzliche theoretische Reflexionen, siehe Michael Bergunder, Was ist Religion? Kultur-
wissenschaftliche Überlegungen zum Gegenstand der Religionswissenschaft, in: Zeitschrift für
Religionswissenschaft 19 (2011), S. 3-55.