Anna-Sophie Jürgens und Markus Wierschem Muster der Un|Ordnung The truth about the world [...] is that anything is possible. Had you not seen it all from birth and thereby bled it of its strangeness it would appear to you for what it is, a hat trick in a medicine show, a fevered dream, a trance bepopulate with chimeras having neither analogue nor precedent, an itinerant carnival, a migratory tentshow [...]. Even in this world more things exist without our knowledge than with it and the order in creation which you see is that which you have put there, like a string in a maze, so that you shall not lose your way. –. Cormac McCarthy 1 ie Welt ist ein weiter und wilder Raum endloser Möglichkeiten, Gestal- ten und Gestaltungen. „Alles ist möglich“, so sagt es der diabolische Richter Holden in Cormac McCarthys Blood Meridian. Der Mensch ist hier geboren und geworfen in einen fremden und zutiefst verwirrenden, wenn nicht von Zufällen regierten Kosmos. Manchmal erscheint dieser Kosmos als fahrender Zirkus wundersamer Kreaturen und unwahrscheinlicher Ereignisse, die uns staunen lassen. Ein andermal gleicht er einem bedrohlichen, mit Mons- tern und Chimären bevölkerten Fiebertraum, durch den wir hilflos stolpern. Wie finden wir uns in diesem Chaos zurecht? Eine Antwort – und zwar die des besagten Richters – lautet, dass wir uns von Geburt an in das Bizarre und Ab- surde einleben, an dem wir uns gleichsam abarbeiten: Wir schaffen Kategorien und Modelle, suchen nach Ursachen und Folgen, erzählen uns Geschichten und bringen so Ordnung in die Welt. Dadurch spinnen wir uns, wie Ariadne dem Theseus, beständig eine Richtschnur, die uns den Weg durch das Labyrinth weist. „[T]he order in creation which you see is that which you have put there“, sinniert McCarthys Teufelsadvokat, „like a string in a maze, so that you shall not lose your way.“ Der menschliche Geist zeigt sich in seinem Streben vornehmlich als For- scher, Erfinder und Organisator von Mustern und Ordnungen in einem chaoti- schen Universum. Alle Kultur und Gesellschaft kann letztlich als Ausdruck und Ergebnis dieses Strebens verstanden werden. Der kulturschaffende Mensch steht darin aber keineswegs außerhalb einer chaotisch-wilden Natur, die es tra- ditionellerweise als Negativraum der Ordnung zu beherrschen gelte. Im Gegen- teil weist er sich mitunter gerade in seinem Ordnungsdrang als Teil der Natur 1 McCarthy, Cormac: Blood Meridian, or The Evening Redness in the West, New York: Vintage 1992, S. 245. D This article is the introduction for: Anna-Sophie Jürgens and Markus Wierschem (Ed.): Patterns of DisǀOrder – Beiträge zur Kulturgeschichte der UnǀOrdnung, Münster: LIT 2017, 13-38.