Christian Utz Erinnerte Gestalt und gebannter Augenblick. Zur Analyse und Interpretation post-tonaler Musik 1 als Wahrnehmungspraxis – Klangorganisation und Zeiterfahrung bei Morton Feldman, Helmut Lachenmann und Brian Ferneyhough Es wird kaum bestritten werden, dass die Interpretation von Musik stets indi- viduelle wie kulturelle oder kollektive Komponenten enthält. Dies gilt ganz besonders für jene Akte der Interpretation, die eng mit der musikalischen Wahr- nehmung verknüpft sind. »Wahrnehmung« kann hier zunächst gefasst werden als eine Organisation und Interpretation von Klangstrukturen während des Hörvorgangs. 2 Das im jeweiligen Moment Wahrgenommene ist eng an unmit- telbar zuvor gehörte Klangstrukturen und eine Rekonstruktion des Gesamtver- laufs seit Beginn des Wahrnehmungsvorgangs gekoppelt: »Echtzeithören« und die Erinnerung an musikalische Zeitverläufe greifen stark ineinander. Die Rekonstruktion des gesamten Wahrnehmungsvorgangs kann sich am Ende etwa als verbale Interpretation äußern und dabei mit vielfältigen metaphori- schen Deutungen verbinden. Wahrnehmung als eine Organisation von Klangstrukturen – als Klangorgani- sation – bezeichnet zunächst ein einfaches Zusammenfassen von klanglichen Einzelkomponenten (Klangereignissen) zu Gestalten in der Zeit. In der Spra- che werden aus einzelnen Lauten Worte, aus einzelnen Worten Sätze oder Sinn- einheiten gebildet. Ohne dass einer zeitlichen Folge von Sprachlauten auf diese Weise syntaktischer Sinn zugeordnet wird, wären Sprache und Kommunika- tion nicht möglich. In der Musik aller Kulturen und Epochen gibt es analoge Beispiele zu einer solchen Form der klangbasierten sprachähnlichen Kommu- nikation, gipfelnd in der Tendenz der europäischen Musiktheorie des späten 18. und 19. Jahrhunderts, musikalischen Verläufen eine »Syntax« oder »Logik« 40 1 Die Bezeichnung »post-tonal« wird im Folgenden weitgehend als Synonym für das im deutsch- sprachigen Raum noch gebräuchlichere »atonal« verwendet. »Post-tonal« ist der präzisere Begriff für jene Formen nicht-tonaler Organisation, die aus einer »Anamnese« tonaler Organi- sation hervorgehen, und sei es nur indirekt vermittelt über die weit verbreiteten Konventionen tonalen Hörens. In keinem Fall ist »post-tonal« hier als Synonym für »neo-tonal« misszuver- stehen. 2 Vgl. u. a. Alexander Styhre: Perception and Organization. Art, Music, Media, London 2008 sowie Helga de la Motte-Haber: Modelle der musikalischen Wahrnehmung. Psychophysik – Gestalt – Inva- rianzen – Mustererkennen – Neuronale Netze – Sprachmetapher, in: Musikpsychologie (Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft 3), hrsg. von ders. und Günther Rötter, Laaber 2005, S. 55 – 73.