Gefässchirurgie 2009 · 14:219–229
DOI 10.1007/s00772-008-0660-2
© Springer Medizin Verlag 2009
H. Schumacher
1
· D. Böckler
2
· S. Ockert
3
· H. von Tengg-Kobligk
4, 5
1
Klinik für Gefäßchirurgie, vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie,
Klinikum Hanau
2
Klinik für Gefäßchirurgie, vaskuläre und endovaskuläre
Chirurgie, Universitätsklinikum Heidelberg
3
Klinik für Gefäßchirurgie, Klinikum Rechts der Isar,
Technische Universität München
4
Abteilung Radiologie, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg
5
Diagnostische und Interventionelle Radiologie,
Radiologische Universitätsklinik Heidelberg
Endovaskuläre Hybrid-
operationen im Aorten-
bogen – quo vadis?
Leitthema
Rekonstruktion des Aortenbogens
– eine spezielle Herausforderung
Der Aortenbogen stellt aufgrund seiner
Raumgeometrie mit deutlichen Angulati-
onen, hoher Wandelastizität und Wand-
fragilität, ausgeprägter Mobilität und en-
gen Beziehung zum Herzen, der Aorten-
klappe, den Ostien der Koronargefäße und
den hirnversorgenden Gefäßen die größte
Herausforderung an eine konventionelle
offen-operative, aber auch endovaskuläre
Rekonstruktion dar (. Abb. 1).
Jede operative Rekonstruktion der dif-
ferenten Aortenbogenpathologien ist ein
komplexer und technisch äußerst an-
spruchsvoller Eingriff. Der offen-chir-
urgische Bogenersatz mit extrakorpora-
ler Zirkulation und tiefer Hypothermie
wird aufgrund einer hohen periopera-
tiven Morbidität und Mortalität den häu-
fig älteren komorbiden Patienten vorent-
halten. Diese Patienten unterliegen dem
natürlichen Krankheitsverlauf mit seinen
hohen Letalitätsraten im Spontanverlauf.
Die sich seit Anfang der 1990er Jahre
etablierenden minimal-invasiven Verfah-
ren zum thorakalen endovaskulären Aor-
tenersatz (TEVAR) haben im Bereich des
Aortenbogens, wo die Mehrzahl der Pa-
thologien lokalisiert ist (80% der Patholo-
gien in Zone 0 bis 2 nach Ishimaru), häu-
fig anatomisch-morphologische und tech-
nische Limitationen.
Der Aortenbogen hat eine einzigartige
dreidimensionale anatomische Geomet-
rie mit Krümmungen unterschiedlicher
Radien in allen 3 Raumebenen. Aufgrund
des hohen Elastinanteils in den Struktur-
proteinen der Aortenwand entsteht eine
hohe Elastizität in der Aorta ascendens
und dem Aortenbogen (Compliance), die
für die spezielle Physiologie (Windkessel-
funktion) verantwortlich ist. Der Aorten-
bogen ist physiologisch eine sehr dyna-
mische Umgebung mit asymmetrischen
Pulsationen und einem komplexen Blut-
flussprofil, das bereits physiologisch Tur-
bulenzen, beispielsweise oberhalb der
Aortenklappenebene, aufweist. Daher ist
die Wand des Aortenbogens bereits un-
ter „Normalbedingungen“ hohen mecha-
nischen Belastungen ausgesetzt.
Durch die Translations- und Pulsati-
onsbewegungen kommt es insbesondere
nach einer Endograftimplantation zu be-
trächtlichen Einflüssen auf die Interakti-
on der fragilen Aortenwand mit der En-
doprothese, die das Langzeitverhalten der
implantierten Endoprothesen mitbestim-
men. Daraus ergeben sich wichtige Folge-
rungen für die Endoprothesendimensio-
nierung, das sog. „Sizing“, die sichere Ver-
ankerung, das sog. „Sealing“, und nicht
zuletzt auf das Endoprothesendesign. Na-
hezu alle derzeitig kommerziell verfüg-
baren Endoprothesensysteme und insbe-
sondere deren Applikationssysteme oder
Freisetzungsmechanismen wurden nicht
dezidiert für den Aortenbogen entwickelt,
sondern für den geraden Abschnitt der
Aorta descendens. Der Einsatz einer En-
doprothese im Aortenbogen ist daher ein
Off-Label-Gebrauch in der Verantwor-
tung des Operateurs.
Die heutigen kommerziellen Endo-
prothesensysteme haben im Hinblick auf
die Aortenbogenrekonstruktion eine Rei-
he von Limitationen und Schwächen in
der Adaptation an die Raumkrümmung
(. Tab. 1, 2).
Ziel jeder endovaskulären Therapie im
Aortenbogen muss eine möglichst mini-
male endoluminale Manipulation durch
die aortale Instrumentation sein, um zere-
brale Embolisationen und damit Schlag-
anfälle zu vermeiden. Daneben muss der
zerebrale Blutfluss jederzeit aufrechterhal-
ten werden. Dies ist insbesondere für die
nächste Generation der Seitarmendopro-
thesen von Bedeutung. Wesentliche su-
praaortische Gefäße, wie z. B. die Verteb-
ralarterien oder ggf. Koronarbypässe, wie
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