KRISTIAN BERG Spuren niederdeutscher Syntax im lokalen Hochdeutsch 1. Einleitung Das heutige Niederdeutsch ist durch den großen und allgegenwärtigen Einfluss des Standarddeutschen in Norddeutschland Veränderungs- druck unterworfen, und tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass sich neben der Phonologie und der Morphologie auch die niederdeutsche Syntax der standarddeutschen Syntax angeglichen hat. So kann bei- spielsweise für die Passivbildung gezeigt werden, dass das Niederdeut- sche bei Verben wie helpen ‘helfen’ oder glööven ‘glauben’ ursprüng- lich über eine Variante mit Nominativargument verfügte (He was holpen ‘Er–NOM wurde geholfen’), die vom Standarddeutschen ver- drängt wurde (vgl. BERG 2011 und 2012). Ähnliches gilt wohl auch für Konstruktionen, die oft als charakteristisch für das Niederdeutsche be- schrieben werden, etwa gehen + Infinitiv als Inchoativmarker oder die doppelte Verneinung (vgl. ELMENTALER/BORCHERT in diesem Band). Die strukturelle Annäherung einer Varietät an eine prestigeträchti- gere, überdachende Standardsprache kann als „vertikale Konvergenz“ beschrieben werden (vgl. z. B. AUER/HINSKENS 1996); in diesem Sinne konvergiert das Niederdeutsche in Richtung des Standarddeutschen. Als Konsequenz ergibt sich in einigen Fällen eine umgekehrte Konver- genz des Standards in Richtung Dialekt, die sich beispielsweise in der Herausbildung regionaler Umgangssprachen zeigen kann (vgl. AUER/ HINSKENS 1996, 12; AUER 1997). Konvergenz ist also nicht immer ein einseitiger Prozess. Ob und inwiefern das aber für die Beziehung zwi- schen Niederdeutsch und Standarddeutsch gilt, ob also das norddeut- sche Hochdeutsch tatsächlich Merkmale niederdeutscher Syntax auf- weist, ist noch weitgehend unklar und rückt erst in letzter Zeit in den Fokus der Aufmerksamkeit (vgl. z. B. LANGHANKE in diesem Band).