9 1. Rückblick Die trainingsmethodischen Implikationen des ersten Teils dieser Beitragsfolge können wie folgt zusammengefaßt werden: Es gibt zwar Kaderathletinnen und -athleten, deren wöchentliche Trainingsumfänge den in den Rahmentrainingsplänen aktuell empfohlenen entsprechen und deren Einstiegsalter auch nicht deutlich von dem für die jeweiligen Sportart empfohlenen Einstiegsalter in die sy- stematische Förderung abweicht, die Mehrheit der Kaderathleten erfüllt diese Vorgaben aller- dings nicht. Dabei konnten keine Hinweise dar- auf gefunden werden, – daß das Erfüllen der Vorgaben für sportliche Erfolge – gemessen am Erreichen des C- oder A-Kaderstatus – eine notwendige Vor- aussetzung wäre, noch, – daß höhere Abweichungen von den Vorga- ben mit geringerem Erfolg oder geringerer Erfolgsperspektive einhergingen. Eher scheint es sich sogar umgekehrt zu ver- halten: Die Untererfüllung der Vorgaben ist im A-Kader tendenziell stärker ausgeprägt als im C-Kader. Von daher sind Trainingsempfehlun- gen, die auf eine Erhöhung der wöchentlichen Trainingszeiten sowie auf eine Vorverlegung des sportartspezifischen Einstiegsalters abzie- len, zumindest in bezug auf Kaderathleten und -athletinnen als wenig plausibel im Sinne einer langfristigen Steigerung des Erfolgsniveaus der Sportler zu bezeichnen. In Hinblick auf ihren Praxisbezug sind diese Er- gebnisse nur vorsichtig zu interpretieren, weil es sich 1. bei Spitzensportlern um eine Gruppierung handelt, die zwar, wie im ersten Teil dieser Beitragsfolge gezeigt, erstaunlich stark vari- ierende Trainingsumfänge aufweist, die aber trotzdem als spezifische Teilgruppie- rung von Sportlern durch relativ geringe Streuungen im Trainingsumfang gekenn- zeichnet ist, was den Nachweis von Zusam- menhängen zwischen Trainingsumfängen und sportlichem Erfolg erschwert; 2. bei den Daten, die dem ersten Teil dieser Beitragsfolge wie auch den genannten Welt- standsanalysen zugrunde liegen, um berich- tete, nicht um unmittelbar gemessene Trai- ningsumfänge handelt. Die folgenden Ausführungen sollen keinesfalls als Variationen des (Stammtisch-)Themas „Mit Statistiken kann man alles beweisen!“ verstan- den werden. Es handelt sich vielmehr um eine Analyse, die im vollen Bewußtsein der Möglich- keiten und Grenzen statistischer Untersuchun- gen angefertigt wurde und die im Ergebnis be- legt, daß es bestimmte Dinge gibt, die man auch mit Statistik nicht beweisen kann, die man aber auch nicht zu beweisen braucht! 2. Zum wissenschaftlichen Gehalt von Aussagen zum Erfolgsniveau deutscher Sportler im internationalen Vergleich Begründet wurde die Notwendigkeit von Trai- ningsempfehlungen für den Nachwuchslei- stungssport mit dem Leistungs- respektive dem Erfolgsniveau deutscher Nachwuchslei- stungssportler. In diesem Zusammenhang fällt ein Aspekt des Verhältnisses zwischen der Sportwissenschaft und der leistungssportli- chen Praxis ins Auge: Dem Spitzensport und vor allem dem Spitzensport auf internationa- lem Niveau ist das Bemühen um eine perma- nente Steigerung der individuellen Leistung ein immanentes Anliegen 1) . Man muß sich also fra- gen, warum die Formulierung von Trainings- empfehlungen für den Bereich des leistungs- sportlichen Nachwuchses aus der Position der Sportwissenschaft heraus überhaupt einer Le- gitimation mit Hilfe des Verweises auf das Er- folgsniveau anderer Sportler bedarf. Gerade wegen des ständigen Bemühens um Leistungs- steigerung sollten Empfehlungen, die das Ziel haben, die Leistung der Sportler zu steigern, eben keiner Konjunktur unterliegen. Sollte die Sportwissenschaft wirklich neue adressaten- unabhängige Aussagen zur Verbesserung des langfristigen Leistungsaufbaus formulieren können, so wären diese – unabhängig vom aktuellen Erfolgsniveau der Sportler formulierbar – die Redlichkeit würde dies bei Anerkennung des leistungssportli- chen a priori sogar erfordern – und – unabhängig von den Chancen zu ihrer Um- setzung in der Praxis zu formulieren, da eine Sportwissenschaft, die sich als externe Refe- renz der Sportpraxis versteht, entsprechende Handlungsmaximen formulieren müßte, die Umsetzung jedoch der Arbeit in den Verei- nen, Verbänden und Fördereinrichtungen überlassen müßte. Möglicherweise sieht sich jedoch gerade die angewandte Trainingswissenschaft allerdings weniger als externe Referenz der Sportpraxis, LEISTUNGSSPORT 3/01 TRAININGSLEHRE WERNER PITSCH/VASSILIOS PAPATHANASSIOU/ARNE GÜLLICH/EIKE EMRICH Zur Rolle von Trainingsempfehlungen im Nachwuchsleistungssport Zweiter Teil: Die Quadratur des Kreises im Leistungssport Der Ausgangspunkt dieser Beitragsfolge waren Aspekte von Inhalt und Form der sport- wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Leistungsniveau deutscher Nachwuchslei- stungssportler im internationalen Vergleich. Im ersten Teil („Leistungssport“ 5/2000, 45 ff.) wurde dargestellt, daß der Zustand der sportlichen Nachwuchsförderung aus Sicht mehrerer Beiträge aus dem Bereich der ange- wandten Trainingswissenschaft auf der Basis sogenannter „Weltstandsanalysen“ als ver- besserungsbedürftig eingeschätzt wurde (MARTIN u.a. 1998; ROST/MARTIN 1998; REISS u.a. 1997; MARTIN u.a. 1997). Thema dieser er- sten Folge war dann die Plausibilitätsprüfung einer häufig gegebenen und verbreiteten Trai- ningsempfehlung, mehr und früher zu trainie- ren, die als Methode zur Erreichung höherer Leistungen und infolge dessen auch größerer Erfolge dargestellt worden war. In Ergänzung zu den Ergebnissen des ersten Teils dieser Bei- tragsfolge sollen im nun folgenden zweiten Teil Aussagen zum Leistungsniveau deutscher Nachwuchsathleten im internationalen Ver- gleich sowohl auf ihre Plausibilität als auch auf ihren wissenschaftlichen Gehalt hin überprüft werden und in ihrer Einbindung zusammen mit Trainingsempfehlungen in einer Argumenta- tionskette näher betrachtet werden. Eingegangen: 8.3.2001 1) Es handelt sich hier also um ein leistungssportliches a pri- ori.