1 Vertrag, Sprache und doppelte Realität. Der öffentliche Sprachgebrauch in der Tschechoslowakei zur Zeit der Normalisierung. Dirk Mathias Dalberg Contract and dual reality. The public language in Czechoslovakia during the normalisa- tion. In the 1970s and 1980s the Czechoslovak Normalisation-regime invented a new official language, which the people had to use in public. According to dissidents like Václav Havel, Miroslav Kusý and Milan Šimečka, the use of this language was part of a contract between the ruling Communist party and the ruled population. To them the public use of the language led to an artificial reality, which differed from the daily reality of the people Schlüsselwörter: Sprache, Politik, Normalisierung, Tschechoslowakei, Miroslav Kusý, Milan Šimečka, Václav Havel Keywords: Language, Politics, Normalisation, Czechoslovakia, Miroslav Kusý, Milan Šimečka, Václav Havel Einleitung Der vorherrschende Sprachgebrauch ist seit jeher eng an die politische Macht gebunden. Die- jenige soziale Schicht, die in einer konkreten Zeit den größten Einfluss auf die Politik, die Wirtschaft und die Kultur ausübt, beeinflusst „auch die Entwicklung der Sprache“. Vor allem diktatorische Systeme versuchen, „durch verschiedene Methoden der Sprachlenkung“ Ein- fluss auf die Öffentlichkeit nehmen (Huprich 1992: 343). Mithilfe bestimmter Benennungen sowie dem Verbot anderer Ausdrücke sind sie bemüht, verbindliche Sprachnormen vorzuge- ben (Forster 2010: 56), die die vorherrschende Ideologie im Denken der Menschen verfesti- gen sollen. Durch den Erwerb der vorgegebenen „Wörter, Begriffe, Symbole und syntakti- sche[n] Strukturen“ vertiefen diese sowohl ihre Sprache als auch ihr Wissen und verinnerli- chen zugleich „die politischen und sozialen Werten bzw. den Bezugsrahmen“ ihrer Gruppe (Huprich 1992: 344). Im Zuge ihrer Kritik am tschechoslowakischen Normalisierungsregime setzten sich in den 1970er und 1980er Jahren Dissidenten wie der slowakische Politikwissenschaftler Miroslav Kusý (*1931), der tschechische Philosoph Milan Šimečka (1930-1990) sowie der spätere