1 Ausgangssituation und Problemstellung 1.1 Ausgangssituation Nachdem Electronic Business anfangs von Anwendungen für Privatkunden domi- niert war, gewinnen Internet-Anwendun- gen nun für Geschäftskunden immer stär- kere Bedeutung. Das Volumen von On- line-Transaktionen wird bis zum Jahr 2003 auf voraussichtlich 1378 Milliarden US$ anwachsen [ PhMe01]. Neben den klassi- schen bilateralen Geschäftsbeziehungen existieren im Business-to-Business-Seg- ment auch elektronische Marktplätze. Im Gegensatz zu Beschaffungssystemen von Großunternehmen werden Bedarfe auf elektronischen Marktplätzen nicht nur von dem betreibenden Großunternehmen generiert, sondern es finden sich mehrere Nachfrager auf einer Handelsplattform ein. Und anders als bei Verkaufsanwen- dungen existieren auf einem elektro- nischen Marktplatz mehrere Anbieter. Die dabei erforderliche Aufgabe, das Angebot und die Nachfrage abzugleichen, wird auf einem elektronischen Marktplatz von ei- nem Intermediär übernommen, dem Marktplatzbetreiber [ PoLi99]. Bei elektronischen Marktplätzen wer- den horizontale und vertikale Marktplätze unterschieden. Vertikale Marktplätze sind dabei auf die Bedürfnisse einer bestimmten Branche zugeschnitten. Neben dem Ange- bot von branchentypischen Produkten werden beispielsweise Informationen über Produktneuheiten, über Marktentwick- lungen und Firmennachrichten geboten. Auf horizontalen Marktplätzen findet an Stelle der Fokussierung auf bestimmte Märkte oder Marktsegmente eine Genera- lisierung statt. Die auf horizontalen Marktplätzen gehandelten Produkte wer- den in verschiedensten Branchen benötigt. Dabei handelt es sich vorwiegend um Teile von niedrigem Wert, aber hohem Ver- brauch [OtWi00]. Die folgenden Ausführungen basieren auf den Erfahrungen, die beim Aufbau des vertikalen Business-to-Business-Markt- platzes der Firma vertacross GmbH & Co. KG [Vert00] gemacht wurden. Es handelt sich dabei um einen elektronischen Markt- platz aus dem Bereich der Automatisie- rungsindustrie, dessen Dienstleistungen für die EU und für den NAFTA-Raum an- geboten werden. Der Betrieb des Markt- platzes steht dabei unter der Prämisse, ei- nerseits dem Kunden eine äußerst komfor- table Funktionalität bei der Suche nach be- stimmten Artikeln zu bieten und anderer- seits die Artikeldaten verschiedener Her- steller und Lieferanten mit möglichst ge- ringem Aufwand auf dem elektronischen Marktplatz zu integrieren. Um diese bei- den Hauptziele erreichen zu können, müs- sen mehrere Teilziele verfolgt werden. Diese Teilziele werden im folgenden Ab- schnitt präzisiert. 1.2 Problemstellung Auf dem elektronischen Marktplatz wird das Angebot mehrerer Hersteller und Lie- feranten zusammengefasst präsentiert. Dem Kunden des elektronischen Markt- platzes wird dadurch ein Mehrwert im Vergleich zu einzelnen Verkaufslösungen geboten, insofern er bei der Suche nach dem gewünschten Produkt auf die Daten mehrerer Artikelkataloge zurückgreifen kann. Dazu müssen die Produktdaten ver- schiedener Hersteller in einer einheitlichen Struktur integriert dargestellt werden. Zur Systematisierung der Artikel wird eine hie- rarchische Klassenstruktur geschaffen, in welche die Artikel der einzelnen Lieferan- ten eingeordnet werden können. Diese Klassenstruktur ist lieferantenneutral und bildet die Schnittmenge der proprietären Klassifizierungsmodelle der einzelnen Hersteller. Eine leistungsfähige Artikel- klassifizierung beeinflusst direkt die Ak- zeptanz des elektronischen Marktplatzes beim Kunden. Erstes Teilziel des Projektes ist demnach die Entwicklung einer unab- hängigen Artikelklassifizierung. Daneben muss ein Vorgehen für den Austausch der Produktdaten gefunden werden, das es einerseits den Lieferanten ermöglicht, ihre Produktdaten gemäß der geforderten Struktur zur Verfügung zu stellen, und das andererseits eine Schnitt- stelle zwischen den Systemen der Lieferan- ten und dem elektronischen Marktplatz definiert, die einen möglichst automatisier- ten Austausch der Artikeldaten zulässt. Die Entwicklung eines derartigen Daten- austauschverfahrens ist für die Akzeptanz Dipl.-Wirtschaftsingenieur Boris Otto, Dipl.-Informatiker Helmut Beckmann, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirt- schaft und Organisation (IAO). Marktstrategie-Team E-Procurement, Nobelstr. 12, 70569 Stuttgart Klassifizierung und Austausch von Produkt- daten auf elektronischen Marktplätzen Boris Otto, Helmut Beckmann WI – Aufsatz WIRTSCHAFTSINFORMATIK 43 (2001) 4, S. 351–361 351