Ergebnisse & Kasuistik | Der Nervenarzt 5•2003 436 Zusammenfassung Es wird das Konzept einer ambulanten, mul- timodalen psychologischen Frühinterventi- on für Patienten mit psychosefernen Prodro- men vorgestellt, welche über einen Zeitraum von einem Jahr Einzel- und Gruppenthera- pie,kognitives Training und Familienbera- tung umfasst. Der konzeptionelle Hinter- grund ist das Vulnerabilitäts-Stress-Bewälti- gungs-Modell der schizophrenen Störung. Die therapeutischen Techniken sind kogni- tiv-behavioral ausgerichtet und orientieren sich an den empirisch gesicherten wirksa- men Interventionen bei erst- oder rezidivie- rend erkrankten Schizophrenen und bei Patienten mit Angst- oder Depressions- symptomatik. Wir berichten über eine 25-jährige Studentin mit psychosefernem Prodrom, bei der durch die Frühintervention eine Verbes- serung der kognitiven Denk- und Wahrneh- mungsstörungen, der affektiven Begleit- symptomatik und des Selbstwertgefühls erreicht werden konnte. Für den Zeitraum der Behandlung fanden sich kein sozialer Abstieg und kein Übergang in eine psycho- senahe oder psychotische Symptomatik. Schlüsselwörter Schizophrenie · Prodrom · Frühintervention · Kognitiv-behaviourale Therapie V erschiedene Untersuchungen zeigen, dass kognitive Denk- und Wahrneh- mungsstörungen, Negativsymptomatik, Ängste, depressive Symptome sowie so- ziale Stagnation oder sozialer Abstieg in der Regel der schizophrenen Erstmani- festation um Jahre vorausgehen [8, 11]. Außerdem sprechen einige Studiener- gebnisse dafür, dass ein verzögerter Be- handlungsbeginn bei schizophrenen Er- krankungen mit einem ungünstigen Krankheitsverlauf, geringer Complian- ce und hoher familiärer Belastung ein- hergehen kann [13, 20]. Aufgrund dieser Befundlage be- schäftigen sich verschiedene Arbeits- gruppen mit der Entwicklung und Über- prüfung von Interventionen, die im Vor- feld psychotischer Erstmanifestationen zum Einsatz kommen können [4, 6, 7, 16, 22]. In einer kontrollierten, randomisier- ten Pilotstudie, ließ sich bereits zeigen, dass kognitiv-behaviourale psychothe- rapeutische Strategien in Kombination mit niedrigdosierter Risperidon-Gabe, bei Patienten im initialen Prodromalsta- dium die Häufigkeit erster psychoti- scher Episoden signifikant absenken können [16]. Als Einschlusskriterien wurden hier aber überwiegend transi- ente, innerhalb einer Woche spontan wieder remittiernde psychotische Symp- tome oder attenuierte Positivsymptome, wie Argwohn, paranoide Vorstellungen und Beziehungsideen benutzt, die der vollen psychotischen Symptomatik schon sehr nahe stehen und dement- sprechend auch unbehandelt in ca. 40% der Fälle innerhalb eines Jahres in die Erstmanifestation übergehen [16, 24]. Um die sehr rasch im Prodrom ein- setzenden ungünstige soziale Entwick- lung [8] und die Progression zur schizo- phrenietypischen Symptomatik zu ver- hindern, könnte es demgegenüber er- folgversprechender sein, mit der Inter- vention deutlich früher, in noch psycho- sefernen Vorläuferstadien zu beginnen. Nachdem die erste prospektive Verlaufs- untersuchung initialer Prodrome, das Cologne-Early-Recognition (CER)-Pro- jekt [11], gezeigt hat, dass sich anhand der in Tabelle 1 aufgelisteten Basissymp- tome die psychotische Erstmanifestati- on schon mehr als 5 Jahre vorher mit ei- ner positiven prädiktiven Stärke von über 70% mit einer nur geringen Rate von falsch positiven Vorhersagen unter 10% prädizieren lässt, scheinen dafür in- zwischen auch die nötigen Vorrauset- Ergebnisse & Kasuistik Nervenarzt 2003 · 74:436–439 DOI 10.1007/s00115-002-1322-3 A. Bechdolf 1 · S. Maier 1 · B. Knost 1 · M. Wagner 2 · M. Hambrecht 1 1 Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Köln 2 Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn Psychologisches Frühinter- ventionsprogramm bei psychosefernen Prodromen Ein Fallbericht © Springer-Verlag 2003 Diese Untersuchung ist Bestandteil des „Kompetenznetzes Schizophrenie“ und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (Kennzeichen: 01 GI 99935). Dr. A. Bechdolf Früherkennungs- und Therapiezentrum für psychische Krisen (FETZ), Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Köln, Joseph-Stelzmann-Straße 9, 50924 Köln, E-Mail: andreas.bechdolf@medizin.uni-koeln.de