1 Ulrich Brand und Kathrin Niedermoser Gewerkschaften zwischen „ökologischer Modernisierung“ und Einsatzpunkten sozial-ökologischer Transformation 1 ABSTRACT Gewerkschaften spielen bislang in der Debatte um eine sozial-ökologische Transformation kaum eine Rolle. Der Beitrag skizziert neben den Gründen dafür zentrale Beiträge und Anknüpfungspunkte, die am Rande der wissenschaftlichen und gewerkschafltichen Debatten darüber geführt werden. Zudem wird der Frage nachgegangen, welche Rolle Gewerkschaften in der Formulierung von Transformationsszenarien einnehmen können und inwiefern das Konzept einer „solidarischen Lebensweise" ein Einsatzpunkt für gewerkschaftliche Politik darstellt. Zentral erscheint hierbei die Notwendigkeit, dass Gewerkschaften sozial-ökologische Politik jenseits des Korridors "ökologischer Modernisierung" formulieren und jene Widersprüche anerkennen und politisieren, die bislang eine weitergehende Perspektive blockieren: Die dominante Rahmung der ökologischen Krise als weitgehend losgelöst von gesellschaftlichen Ursachen und Konflikten, die Tendenz der Individualisierung umweltpolitischer Verantwortung sowie die Ausblendung der konkreten Arbeitsverhältnisse und ihre Einbettung in die "imperiale Produktions- und Lebensweise". Gewerkschaften im globalen Norden stehen hierbei vor einem Dilemma, da die Integration breiter Bevölkerungsschichten in die „imperiale Lebensweise“ historisch betrachtet eine Verbesserung des Lebensstandards darstellt, deren negative Auswirkungen auf die Umwelt und deren, global betrachtete, Nicht-Verallgemeinerbarkeit sind jedoch die Kehrseite dieser Medaille. Vor diesem Hintergrund stellt sich einmal mehr die Frage nach „einem guten Leben für alle“ und inwiefern Gewerkschaften diese auf eine sozial und ökologisch solidarische Weise beantworten können. Die aktuelle krisenhafte Entwicklung der globalen politischen Ökonomie und deren soziale und ökologische Auswirkungen haben eine neue Debatte über Szenarien sozialer, sozial-ökologischer oder gar einer neuen großen „Transformation“ ausgelöst (vgl. WBGU 2011; Deutscher Bundestag 2013; Brie 2014). Diese Diskussion kann als Ausdruck einer neuerlichen Politisierung der ökologischen Krise betrachtet werden, vergleichbar mit den 1970er und 1980er Jahren; in den 1990er Jahren war das Thema Ökologie hingegen weniger öfentlich präsent. Das Feld der „Arbeitswelt“ im Allgemeinen sowie der Gewerkschaften und der Interessen von ArbeitnehmerInnen im Besonderen spielten sowohl in der gesellschaftspolitischen als auch in der wissenschaftlichen Transformationsdebatte meist eine untergeordnete Rolle. Dies ist 1 Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projektes „TRAFO LABOUR – The Role of Trade Unions and Workers’ Interests in the Social-Ecological Transformation towards a Climate- Friendly Society. The Case of Austria“, welches aus Mitteln des österreichischen Klima- und Energiefond gefördert und im Rahmen des Programmes „ACRP 6 th Call“ von 2014- 2016 durchgeführt wurde. Lukas Neissl danken wir für Hinweise zu diesem Beitrag.