42 Karin Stögner Narrative des Nationalen in Mittel- und Osteuropa in der Zwischenkriegszeit Mithilfe der Pariser Vorortverträge, im Zuge derer Mittel- und Osteuropa nach dem Ersten Weltkrieg neu geordnet wurde, sollte vordergründig das natio- nale Selbstbestimmungsrecht jener Völker berücksichtigt werden, die zuvor Tei- le des Österreichischen Vielvölkerstaates waren. Die Ausgangslage 1918 war eine nationalistische, die Diskurse des „nationalen Erwachens“, im Laufe des 19. Jahr- hunderts allerorts in der Region entstanden, konnten nach den politischen Ent- täuschungen im Habsburgerreich nun unvermittelt wieder aufgenommen wer- den und, in einer Konstellation von Transformation und Neuordnung, auf Erfül- lung hofen. In der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, deren beide Reichshälten gleichermaßen von einer bemerkenswerten sprachlichen und kul- turellen Vielfalt charakterisiert waren, war Nationalismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kein Fremdwort. Nicht nur, dass einzelne Hegemonieansprüche in den Ländern und Regionen dem oiziellen Programm eines transnationalen Vielvölkerstaates im Wege standen; auch ein „an die Person des Kaisers ge- knüpter ‚monarchischer Patriotismus‘ verband sich zuletzt mit einem gegen die slawischen Völker gerichteten sprachzentrierten Nationalismus“, wie Hilde Weiss und Christoph Reinprecht in Anlehnung an Ernst Bruckmüller festhalten (Weiss/Reinprecht 1998, 30; vgl. Bruckmüller 1993, 215). Die ungarische Ant- wort auf die kulturelle und sprachliche Heterogenität war der Versuch, einen ho- mogenen magyarischen Nationalstaat zu errichten. Er scheiterte letztendlich ebenso wie der österreichische Versuch eines Vielvölkerstaats. In der Forschungsliteratur zu Mittel- und Osteuropa in der Zwischenkriegs- zeit wird die Frage breit verhandelt, warum die nach dem Ersten Weltkrieg neu entstandenen Nationalstaaten in Mittel- und Osteuropa nach anfänglich demokratischer Ausrichtung alle, mit Ausnahme der Tschechoslowakei, in den 1930er-Jahren in autoritäre Regime umschlugen. Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung wird in der speziischen Ausformung des Nationalismus sowie der Entstehung und Bedeutung des Nationskonzepts in den Ländern Mittel- und Osteuropas gesehen. Im Wesentlichen wird von einer idealtypi- schen Unterscheidung zwischen westlichem und östlichem Nationalismus aus- gegangen.