© 2009 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2009; DOI 10.1024/0040-5930.66.12.839
839 Übersichtsarbeit
1
Frauenspital, Universität Basel, Schweiz
2
Departement für Biomedizin, Universität Basel, Schweiz
Oliver Sterthaus
1
, Hong Zhang
2
, Christian De Geyter
1, 2
Was sind Stammzellen?
Adulte Stammzellen, die das Gewebe
kontinuierlich erneuern, scheint es in
fast jedem Organ des Menschen zu ge-
ben [1]. Es ist die Funktion dieser adul-
ten Stammzellen die Regenerations-
fähigkeit der Organe zu gewährleisten.
Die Anzahl anzutreffender Stammzel-
len ist in den meisten Nischen (Umge-
bung in der sie sich replizieren) sehr
gering [2] und sie haben eine sehr nied-
rige Replikationsrate, damit sie vor Re-
plikationsfehlern in der genomischen
DNA geschützt sind. Eine der zuletzt
identifizierten Nischen mit Stamm-
zellen ist das Ovar [2]. Allerdings sind
diese adulten Stammzellen meist nur
multipotent und nicht wie embryonale
Stammzellen pluripotent [3], da die
Richtung, in die die adulte Stammzel-
len sich differenzieren können, bereits
in den jeweiligen Nischen vorbestimmt
ist.
Embryonale Stammzellen – ein wissenschaftliches
Nebenprodukt der assistierten Reproduktionsmedizin?
Embryonale Stammzellen (ES) haben durch ihr größeres Differenzierungspoten-
zial einige Vorteile gegenüber adulten Stammzellen, die zumeist nur in be-
stimmte Gewebetypen differenziert werden können. Die Medizin erhofft sich
vielfältige Behandlungsmöglichkeiten mit ES-Zellen bei Patienten, besonders
bei der Regeneration von erkrankten Gewebstypen. Die Durchführbarkeit dieser
Idee wurde bereits im Tierversuch demonstriert, jedoch im humanen System
müssen noch viele Hürden bis zur klinischen Applikationen überwunden wer-
den, wie die Züchtung der Zellen, deren Sicherheit sowie deren Immuntoleranz
nach erfolgter Transplantation. In der Schweiz dürfen seit 2005 humane embry-
onale Stammzellen (hESC) aus überzähligen Embryonen nach assistierter Re-
produktion gewonnen werden. Im 2008 wurde am Universitätsspital Basel das
hESC-Projekt lanciert und im gleichen Jahr konnte bereits die erste hESC-Linie
mit einem normalen Karyotyp in der Schweiz etabliert werden. Seit neustem
eröffnen diverse Techniken die Möglichkeit, immuntolerante Stammzellen pa-
tientenspezifisch zu etablieren, wobei abzusehen ist, dass das therapeutische
Klonen von der induzierten-Pluripotenz abgelöst wird. Nichtdestotrotz bleibt
die hESC-Technologie noch das Standardverfahren, mit dem neue Verfahren und
Zelllinien verglichen werden müssen.
Zwei Theorien wurden aufgestellt um
zu erklären, wie Stammzellen ihre
Selbsterneuerung aufrechterhalten.
Laut der einen Theorie, gibt es zwei
Arten der Zellteilung (Abb. 1), die sym-
metrische- und die asymmetrische
Teilung. Bei der symmetrischen Tei-
lung entstehen nach der Zellteilung
zwei identische Tochterzellen jeweils
mit allen Merkmalen von Stammzellen.
Dahingegen entstehen bei der asym-
metrischen Teilung je eine Stammzelle
sowie eine Vorläuferzelle mit einem
limitierten Replikationspotential. Die
Vorläuferzelle selbst kann einige Zell-
teilungen durchlaufen, bevor diese sich
schließlich zu ihrer Zielzelle ausdiffe-
renziert. Die alternative Theorie be-
sagt, dass die Stammzellen in ihrer
Nische undifferenziert bleiben, da sie
dort Signale erhalten, die die Differen-
zierung blockieren und somit diese
Stammzellen sich differenzieren, so-
bald diese die Nische verlassen oder sie
die Signale in der Nische nicht mehr
erreichen.
Im Gegensatz zu den meisten adulten
Stammzellen können ES-Zellen sich in
alle drei Keimblätter (Entoderm, Ekto-
derm und Mesoderm) differenzieren
und sind somit pluripotent. Embryo-
nale Stammzellen werden aus Blasto-
zysten (Embryonalentwicklung Tag
5 – 7 nach der Befruchtung) gewonnen.
In der Schweiz dürfen humane embryo-
nale Stammzellen hESC nur aus über-
zähligen Embryonen gewonnen und
nicht gezielt für Forschungszwecke
hergestellt werden.
Abbildung 1 Teilung und Differenzierung von Stammzellen
A) Stammzelle, B) Vorläuferzelle, C) Differenzierte Zelle,
1) Symmetrische Stammzellteilung, 2) Asymmetrische Stammzellteilung,
3) Zellteilung einer Vorläuferzelle, 4) Terminale Differenzierung