DIE HISTORISIERUNG DES APRIORI UND DER FUNKTIONALISIERUNGSBEGRIFF IM DENKEN MAX SCHELERS Guido Cusinato In: C. HUBING, H. POSER (HG.), Cognitio Humana – Dynamik des Wissens und der Werte, (XVII. Deutscher Kongreß Für Philosophie), Leipzig 1996, BD. II, 845-854 Im Essay Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? behauptet Kant, daß Aufklärung die Selbstbefreiung des Menschen von der Unmündigkeit ist und, daß die Unmündigkeit die Unfähigkeit ist, ʺsich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienenʺ. Es geht also darum, die ʺdunklen Kräfteʺ zu beleuchten, den Hintergrund von Unwissenheit und Aberglauben aufzuklären, der den Verstand im Zustand der Unmündigkeit hält. Die Aufklärung deckte zwar die mißliche Lage der Unmündigkeit auf, und betrieb den Ausgang aus derselben, genau betrachtet aber setzte sie sich, anstatt diese ʺdunkle Kräfteʺ aufzuklären, darüber hinweg. Sie unterließ es, die konkrete Umgebung, in der sich der Verstand bewegt, aufzuklären und zu erweitern. Sie versuchte den Verstand zu entwurzeln und ihn auf die abstrakte und unbedingte Ebene einer allgemeinen Vernunft zu setzen. Das Denken der Aufklärung ging davon aus, daß der ideale Zustand für den Erkenntnisakt derjenige eines Verstandes ist, der von jeder Voraussetzung oder emotionalen Motivation befreit ist, da solche Bedingungen nur eine negative Funktion ausüben und der Ursprung all der Fehler und Grenzen der Erkenntnis darstellen. Der befreite und erwachsene Erkenntnisakt ist nur derjenige, der von allgemeinen und neutralen Kategorien ausgeht: das formale Apriori Kants. Ein erster Schritt zur Historisierung und Dynamisierung dessen, was Kant für dauerhafte und unveränderliche Kategorien hält, wird von Hegel getan. Dennoch denkt auch Hegel noch an eine allgemeine Struktur, die sich im Weltgeist der Zeit zu erkennen gibt. In Hegel wird die ʺdunkle Seiteʺ nicht ausgelöscht, aber auch nicht